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Wedel-Schulauer Tageblatt

19. August 2017 | 19:13 Uhr

Rissen : 3000 statt 4000 Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Bezirksamt Altona präsentiert „zukünftiges internationales Quartier Rissen“. Mehr als 500 Anwohner machen ihrem Unmut Luft.

Rissen | „Wir haben schon den größten Raum angemietet, den es in Rissen gibt“, sagte Bezirksamtsleiterin Liane Melzer zu Beginn der Sitzung des Planungsausschusses des Bezirksamts. Doch die 400 Sitz- und 30 Stehplätze in der Aula der Schule Iserbarg reichten bei weitem nicht. Mehr als 100 Anwohner standen bereits zehn Minuten vor Beginn der Veranstaltung vor verschlossenen Türen. In der Aula wollten etwa 500 Anwohner des 15.000 Einwohner zählenden Stadtteils von Politik und Verwaltung wissen, was es mit dem Bebauungsplan „Rissen 45“ für die Fläche hinter dem Rissener Asklepios Klinikum auf sich hat, wo einst der Standort des Technischen Hilfswerks war. Auf dem 420.000 Quadratmeter großem Gelände sollten laut Bezirksamt 800 Wohneinheiten für bis zu 4000 Flüchtlinge entstehen – anders als in der vor zwei Jahren beschlossenen Bebauung mit 150 bis 230 Wohneinheiten in Einzel-, Doppel- und Reihenhausbebauung ohne Geschosswohnungsbau.

„Die Herausforderung, Menschen angemessen und menschenwürdige Unterkünfte zur Verfügung zu stellen, wird immer Größer“, sagte Hamburgs neuer Flüchtlingskoordinator Anselm Sprandel. Daher habe der Senat festgelegt, das jeder der sieben Bezirke der Hansestadt eine Fläche mit Platz für etwa 800 Wohnungen vorzuschlagen. Das Bezirksamt Altona schlug die Fläche in der Straße Suurheid vor. Doch regt sich seit Wochen Protest dagegen. Daher verkündete Melzer: „Wir wollen Ihnen heute eine Alternative vorstellen, die das Bezirksamt intern entwickelt hat.“

„Wir haben uns wirklich bis vor wenigen Stunden intensive Gedanken gemacht, wie wir es im Stadtteil umsetzen können“, sagte Frank Conrad, Leiter des Fachamts Stadt- und Landschaftsplanung. Im „zukünftigen internationalen Quartier Rissen“ – so der Name des neuen Wohngebietes, den die Anwohner mit höhnischem Gelächter kommentierten – sollen im Alternativmodel 605 Wohneinheiten für Flüchtlinge auf dem Gelände, das der Bundesanstalt für Immobilien und der Hansestadt Hamburg gehört, entstehen. Bei einer geplanten Belegung von fünf Flüchtlingen pro Wohnungen würde dies etwa 3000  Menschen bedeuten. 2000 Quadratmeter seien für soziale Einrichtungen geplant. Zudem sollen 160 Wohneinheiten mit „normal gefördertem Wohnungsbau“ entstehen. „Das bedeutet, um das Senatsziel zu erreichen, brauchen wir eine zweite Fläche in Altona. Sie können sicher sein: Die Telefondrähte glühen zwischen Senatsebene und Bezirksamt.“ Eine zweite Fläche müsse schnell gefunden werden: „Schnell heißt hier nicht Monate, sondern Tage. Maximal Wochen.“ Conrad warb aktiv für die Alternative: „Bitte gehen Sie mit unserem Kompromissvorschlag mit. Sonst besteht die Gefahr, dass andere Menschen in dieser Stadt über uns beraten.“ Beim Bau werde auf Nachhaltigkeit gesetzt. Die Häuser sollen 15 Jahre für Flüchtlinge zur Verfügung stehen und dann normal vermietet werden

„Der Baustellenverkehr in Sieverstücken ist einfach zu regeln. Den Unternehmen können wir Vorgaben machen“, sagte Reinhold Gütter, Leiter des Dezernats für Wirtschaft, Bauen und Umwelt. Zur Sicherung des Bahnübergangs sollen von den Baufirmen Posten mit Flaggen gestellt werden.

„Warum muss es dieser eine Standort sein? Denken Sie sich, lieber einmal Ärger als viermal Ärger?“, warf ein Anwohner ein. Der Rissener Mark Pagel kritisierte: „Sie spielen Tetris mit Baueinheiten. Wenn das ihre Art der Integration ist, kann ich zukünftig nicht mehr ruhig schlafen.“ Auf zu erwartende Probleme bei der Unterbringung in Schulen und Kitas, sagte Thorsten Altenburg-Hack, Leiter des Amts für Bildung: „Wir haben neun Grundschulstandorte und fünf weiterführende Schulen. In zumutbarer Entfernung sind es acht weiterführende Schulen.“ Bei einer Belegung mit 3000 Flüchtlingen sei von 15 Prozent schulpflichtigen Kindern auszugehen. Dafür würden zusätzliche internationale Vorbereitungsklassen und Lerngruppen installiert. ZuPlänen für einer Kita, die in dem neuen Quartier angedacht war, sowie der Gestaltung der Soialeinrichtungen konnte das Bezirksamt noch keine Angaben machen. „Ich weiß noch nicht, was entsteht“, sagte Conrad und nannte beispielhaft eine Teestube, eine Kita oder eine Fahrradwerkstatt.

Fallen Immobilien im Wert?

„Was mit Rissen gemacht wird, halte ich für eine Katastrophe“, kritisierte Anwohner Volker Schilling und ergänzte: „Rechnen Sie mal den Prozentsatz aus.“ Auch die Frage, wie der Wert der Immobilien falle, kamen aus dem Plenum. Einem Anwohner, der sagte „Ich bezeichne Dreiviertel der Flüchtlinge als Invasoren“, entzog Moderator Henrik Strate (SPD), Vorsitzender des Planungsausschusses, umgehend das Wort. Donnernden Applaus gab es für die Aussage eines Anwohners: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“

„Sie tragen Gegenargumente vor. Sie tragen Sorgen vor. Das kann ich in Teilen nachvollziehen, denn es ist sicherlich beunruhigend, wenn so eine massive städtebauliche Veränderung passiert“, sagte Flüchtlingskoordinator Sprandel und mahnte: „Wenn wir wollen, dass Menschen eine menschenfreundliche Unterkungt erhalten, dann tragen Sie unser Model mit.“ Conrad stellte wegen massiver Kritik an der Bebauungsplanänderung klar: „Wir halten uns eindeutig an die rechtlichen Regelungen. Wir werden nichts rechtswidriges tun.“ Wie die Bezirksamtsleiterin sah er in der Veranstaltungen den Beginn eines andauernden Austauschs mit den Anwohnern.

Klaus Kamlah, einer der Gründer der Bürgerinitiative „Vorrang für Integration und Nachhaltigkeit Rissen“ (VIN), griff die politischen Vertreter direkt an: „Was Bürger satt haben, ist eine arrogante politische Kaste, die Bürger mit Nebelkerzen an der Nase herumführt.“ „Wir sind uns in Rissen einig, dass es keine Bewegung gegen Flüchtlinge gibt“, sagte Michael Neumaier, ebenfalls bei der VIN aktiv, und ergänzte: „Wir von VIN stellen uns für sinnvolle Integration eine Mehrheit Einheimischer in dem Quartier vor. Es geht bei Ihrem Konzept nicht um Nachhaltigkeit, sondern um Aktionismus.“ Nicola Herz-Paassen, ebenfalls Mitbegründerin der VIN, überreichte dem Bauausschuss einen Fragenkatalog: „Da Sie heute sicherlich nicht alles beantworten können, haben wir 80 Fragen zusammengestellt, auf die wir gerne eine schriftliche Antwort hätten.“ Diese sollen auf der Webseite der Initiative veröffentlicht werden. Eine Zusage wollte Strate als Ausschussvorsitzender nicht geben: „Wir machen das sicherlich gerne, aber ich kann nicht für alle Fraktionen sprechen.“

Abschließend zogen die Vertreter der Parteien ihr Fazit aus den Diskussionen. Als Claus Schülke von der AfD als letzter Redner das Wort ergriff, verließen nicht nur die Vertreter der Grünen und der Linken demonstrativ den Saal, sondern auch viele Bürger gingen so schnell wie sie dreieinhalb Stunden zuvor in die Aula geströmt waren.

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erstellt am 20.Nov.2015 | 09:16 Uhr

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