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Sicherheitscheck in der Gärtnerstraße : 200 Jahre alte Linde steht noch stabil

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Durch Klopfen und der Suche nach Pilzbefall und starkem Wachstum der Rinde suchten Experten nach Schwachstellen an der Linde.

shz.de von
erstellt am 26.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Wedel | Besorgt schauten gestern einige Bürger in der Gärtnerstraße auf die alte Linde, während Svenning Holz und Ole Clasmeier von der Baumpflege Uwe Thomsen aus Pinneberg Zugseile in der Krone befestigten. „Die kommt doch jetzt nicht weg?“, fragte eine Frau sichtlich entrüstet. Die Baumexperten und Bettina Parszyk (klein) vom Fachdienst Bauverwaltung Tief- und Gartenbau gaben schnell Entwarnung: Der Baum ist standfest. Weitere Berechnungen müssen aber noch erfolgen.

Durch Klopfen und der Suche nach Pilzbefall und starkem Wachstum der Rinde suchten Holz und Clasmeier nach Schwachstellen an der Linde. „Das tolle bei Bäumen ist, dass sie selbst erkennen, wenn sie beschädigt sind. Sie versuchen, überall gleich sicher zu sein und bilden Holz nach“, erläuterte Holz. Dieses sei oft fester und stabiler, um Schwachstellen auszugleichen. „Das macht es für uns einfacher, die schwächsten Punkte des Bäumes zu erkennen.“ An diesen wurden vier blaue Messgeräte platziert, die die Neigung bei Sturm und die Dehnung der Randfasern messen sollten. „Je mehr sich die Rinde ausdehnt, desto geringer ist die Tragfähigkeit der Holzfasern“, erläuterte Clasmeier. Ein Lkw wurde an das Zugseil gespannt – ausgestattet mit einem Kraftmesser. Der sendete die Zuglast an das Tablet von Clasmeier – ebenso wie die anderen vier Sensoren die Neigung des Baumes sowie die Ausdehnung der Rinde. „Wir können immer erkennen, wie groß die Belastung für den Baum ist, um ihn nicht zu überfordern. Wir wollen ihn ja nicht beschädigen, sondern erhalten“, erläuterte Holz.

Die Zuglast bei dem Standfestigkeitstest entsprach dem sogenannten 50-jährigen Windereignis, dem stärksten in den letzten 50-Jahren gemessenen Sturm. „Im Idealfall ist der Baum belastbarer als die erwartete Last“, sagte Holz.

Doch waren die Zugproben nur ein Teil des Tests. Die weitere Analyse wird am Computer erfolgen. „Dort wird die Segelfläche in Quadratmetern berechnet und ermittelt, wie Stark die Last auf den Baum wirkt“, so Holz. Dabei spiele die Baumkrone und die Höhe des Baums, im Fall der Linde 21,60 Meter, eine entscheidende Rolle. „Der Baum muss die 1,5-fache Sicherheit gewährleisten“, erläuterte der Fachmann. Am Computer werden die Fotos des Baums eingelesen und händisch die Fläche der Krone nachgezeichnet, um die Angriffsfläche des Baums zu ermitteln. „Wir können ziemlich sicher sagen, dass der Baum nicht gefällt werden muss. Es kann aber sein, dass sich ein Wert unter dem geforderten Faktor von 1,5 ergibt. Dann müsste die Krone ausgedünnt oder der Baum gekürzt werden“, so Holz. Das könne ebenso am Computer analysiert werden.

„Unser Ziel ist es immer den Baum zu erhalten und nur geringe Eingriffe vorzunehmen“, ergänzte Clasmeier. Vor allem bei so alten Bäumen wie der Linde in der Gärtnerstraße gehen die Experten sorgsam vor. Wie alt das Gewächs ist, ließ sich nicht genau bestimmen. „Das wäre nur durch eine Untersuchung der Jahresringe möglich. Da das angrenzende Gebäude aus dem Jahr 1805 stammt, liegt es nahe, dass auch der Baum etwa 200 Jahre alt ist“, mutmaßte Holz.

Die Sensoren am Baum maßen die Neigung und die Ausdehnung der Rinde.
Die Sensoren am Baum maßen die Neigung und die Ausdehnung der Rinde. Foto: Bastian Fröhlig
 

Das Gebäude war auch einer der Gründe für die intensive Untersuchung, die selten durchgeführt wird. „Vor Jahren wurden die Wurzeln gekürzt, da sie ins Fundament gewachsen sind und ich vermute, dass auch beim Bau der Straße nicht zimperlich mit den Wurzeln umgegangen wurde“, sagte Parszyk, die die Untersuchung veranlasst hatte. „Ich kann so viel schauen wie ich will, aber die Standfestigkeit sehe ich nicht.“

Parszyk ist für die Bäume der Stadt verantwortlich. 3027 Stück sind offiziell erfasst – davon 97 Naturdenkmäler wie die Kastanien am Freihof. Hinzu kommen weitere Gehölze an Wanderwegen, Spielplätzen, Grünanlagen und Biotopen. „Ich schaue mir jedes Jahr jeden Baum einmal an, der im digitalen Baumkataster erfasst ist“, erläuterte Parszyk. Dieses soll um Bäume an Wanderwegen und Spielplätzen erweitert werden. Bisher sind vor allem die Pflanzungen an Gemeinde-, Landes- und Bundesstraßen erfasst. „Ich bin 25 Jahre bei der Stadt Wedel, aber ich werde wohl nie alle städtischen Bäume kennen“, sagte Parszyk lachend. Oft seien die Gehölze nicht zuzuordnen.

Visual Tree Assessment (VAT-Methrode) nennt sich die Sichtkontrolle. „So lassen sich zumindest Totholz, Pilzbefall und Erkrankungen ausmachen“, so Parszyk. Hubsteigerkontrollen und Wurzelausgrabungen seien weitere Untersuchungsmethoden. „Die Zugversuche führen wir sehr selten durch“, sagte die Verwaltungsmitarbeiterin.

Die Zugwirkung wurde mit einem Tablet permanent überwacht, um den Baum nicht zu überfordern und zu beschädigen.
Die Zugwirkung wurde mit einem Tablet permanent überwacht, um den Baum nicht zu überfordern und zu beschädigen. Foto: Bastian Fröhlig
 

45.000 Euro stehen der Stadt für die Baumpflege pro Jahr zur Verfügung. „Es geht nicht nur darum, dass Bäume gut aussehen, sondern vor allem um die Sicherheit“, sagte Parszyk. Doch trotz aller Kontrollen seien Sturmschäden nie auszuschließen. „Selbst wenn alle Bäume gesund sind, kann ein Sturm Schäden verursachen. Die heimischen Bäume sind an Wind aus Nord-West angepasst. Kommen Böen aus anderen Richtungen, kann ein Baum trotzdem entwurzelt oder beschädigt werden.“

Die Linde in der Gärtnerstraße hat in den letzten 200 Jahren schon einigen Stürme wie zuletzt Xavier getrotzt. „Ich denke, da werden noch einige Jahrzehnte dazukommen“, war Holz überzeugt. Ob mit oder ohne Beschnitt, das müssen die Berechnungen in den kommenden Tagen am Computer zeigen.

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