Wedel : 107 Jahre: Zweitälteste Wedelerin feiert Geburtstag

Die gebürtige Bremerin Lina Meier-Kothe feierte jetzt ihren 107. Geburtstag.
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Die gebürtige Bremerin Lina Meier-Kothe feierte jetzt ihren 107. Geburtstag.

Lina Meier-Kothe wurde noch zu Kaiserreichzeiten geboren, hat zwei Weltkriege überlebt und wurde über Nacht Geschäftsführerin.

shz.de von
24. Juni 2014, 14:00 Uhr

In der Kursana Residenz ist Lina Meier-Kothe eine Institution und Wedels zweitälteste Einwohnerin. In den 17 Jahren, in denen sie in ihrem gemütlich eingerichteten Appartement lebt, hat sie sich immer um hilfsbedürftige Mitbewohner gekümmert. Bis vor kurzem suchte sie die kleinen Sonntagsgedichte aus, die den Menüplan im Haus schmücken. Doch nicht nur mit Literatur kennt sich die zierliche alte Dame, die textsicher aus Goethes „Faust“ zitiert, bestens aus. Lina Meier-Kothe kennt die Menschen. „Ich habe in meinem Leben so viel durchgemacht“, sagt sie und haut mit ihrer Faust energisch auf den Tisch. „Mir kann keiner etwas vormachen.“
 

Als die Bremerin 1907 geboren wurde, war Deutschland noch ein Kaiserreich. Es sollte noch mehr als ein Jahrzehnt vergehen, bis Frauen das Wahlrecht bekamen. Im Unterricht wurden die Kinder noch mit dem Rohrstock bestraft. „Ich konnte meinen Mund nicht halten, wenn es ungerecht zuging. Deshalb habe ich oft mit dem Stock auf die Finger bekommen“, erzählt sie.

Es sei eine ihrer Stärken, auch bei Rückschlägen immer das Beste aus einer Situation herauszuholen, sagt Meier-Kothe. Als die Hochzeitsreise mit ihrem Mann Walter 1936 ins Wasser zu fallen drohte, weil er gutmütig sein Geld verliehen und nicht zurückbekommen hatte, schlug sie eine Radtour durch Mecklenburg-Vorpommern vor. „Es war zwar nicht das, was ich mir erträumt habe“, lächelt sie. „Aber heutzutage wird zu schnell gemeckert. Man muss sich auch mal in den anderen hineinversetzen und Einsicht haben.“

Den Zweiten Weltkrieg erlebte Meier-Kothe in Lodz, wo ihr Mann stationiert war. Die ausgebildete Kinderkrankenschwester war dort eine wichtige Anlaufstelle für Familien in Not. Bei Kriegsende machte sie sich allein mit dem 1943 geborenen Sohn auf die Flucht.

Als größten Einschnitt ihres Lebens erlebte Meier-Kothe den frühen Tod ihres Mannes 1961. Über Nacht wurde die Hausfrau Geschäftsführerin einer Spedition mit Lagerhäusern im Bremer Hafen und zwei Dutzend Angestellten. „Das war Sein oder Nichtsein“, zitiert Meier-Kothe. Denn ihr Mann hatte testamentarisch verfügt, dass Sohn Walter die Firma erst mit 30 Jahren übernehmen dürfe. „Da haben viele gedacht, die Frau setzen wir gleich vor die Tür“, erinnert sie sich. „Ich habe es nur mit eisernem Willen und Disziplin geschafft, mich in dieser Männerwelt zu behaupten.“ Trotz aller Herausforderungen hat sich Meier-Kothe nicht nur ihre Neugier und Offenheit, sondern auch ihr Mitgefühl für andere erhalten. Kein Wunder, dass die alte Dame auch in der Kursana Residenz Wedel so beliebt ist. Heute verwöhnen Mitbewohnerinnen sie mit ihren heiß geliebten Krabben vom Wochenmarkt, und eine ehrenamtliche Betreuerin sorgt stets für frische Blumen und Nachschub an Obst. An ihrem Geburtstag am 22. Juni freute sie sich über den Besuch der Familie ihres Sohnes, die heute in Kiel lebt.

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