Von der Sehnsucht nach Heimat

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Vor allem jüngere Leute entdecken ihre Wurzeln / Trendforscher Professor Peter Wippermann erklärt das Phänomen

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31. März 2017, 10:40 Uhr

Der röhrende Hirsch in Öl über dem Wohnzimmersofa oder das Buddelschiff im Bücherregal. Ist das Heimat?

In den meisten Fällen ist es wohl eher Kitsch oder bei jüngeren Leuten eine bestimmte Art von Humor. Solche Gegenstände können tatsächlich aber auch eine echte Bedeutung haben, wenn sie authentisch sind. Wer beispielsweise in Berlin lebt, an der Flensburger Förde aufgewachsen ist, für den kann das Buddelschiff durchaus ein Stück Heimat sein.

Was genau ist also Heimat?
Heimat ist ein Gefühl, das eine Art Rückzugsmöglichkeit in Zeiten der Globalisierung bietet. Unser Alltag hat sich rasant verändert. Die Menschen wollen raus in die Welt, Grenzen überwinden. Und das gelingt ihnen auch aufgrund der inzwischen nicht mehr so starren Arbeitsverhältnisse sowie der fortschreitenden virtuellen Vernetzung. Diese Beliebigkeit, jederzeit überall sein zu können, hat aber auch ein Vakuum hinterlassen, manchmal eine innere Leere. Und so zeigt sich bei vielen Bürgern anderseits auch eine Abgrenzung, ein Rückzug in einen kleinen, überschaubaren Kosmos. Ein Trend, den man vor allem bei Jüngeren beobachten kann. Sie suchen einen Ort, mit dem sie fest verankert sind.

Eigentlich erstaunlich, wo doch der Begriff Heimat lange Zeit eher einen Beigeschmack hatte.
Das stimmt. Früher war Heimat vor allem mit konservativen Werten verbunden. Mit der Verteidigung der Heimat, mit Abschottung und Ablehnung von Veränderung.

Weshalb beispielsweise die 68er-Generation mit Heimat nichts am Hut hatte.
Sie wollte sich abgrenzen von ihren Eltern, die nach dem Schrecken des Krieges abends bevorzugt Heimatfilme guckten, um in eine heile Welt zu flüchten.

„Ferien auf dem Immenhof“, „Grün ist die Heide“. Solche Filme.

Ganz genau. Trotzdem spiegelten sie auch wider, was die Menschen nach Kriegsende bewegte. „Grün ist die Heide“ handelte von Vertreibung aus der Heimat, von Wilderei.

Und diesmal sind es ausgerechnet die Jüngeren, die ein neues Heimatgefühl pflegen?
Verständlicherweise. Bei den 30-bis 35-Jährigen ist zu beobachten, dass sie stolz auf den Ort sind, aus dem sie kommen. Das ist etwas anderes im Vergleich zu der eher trotzigen Haltung der Heimatverbände, der Heimatvertriebenen aus dem zweiten Weltkrieg. Junge, hochqualifizierte Leute verlassen ihr ursprünglich oft dörfliches Zuhause und ziehen in die Städte, um dort dann ihre Heimatgefühle zu zelebrieren. Sie bewerten die Heimat plötzlich positiv.

Ob mit Heimatkrimis, plattdeutschen Sprüchen auf Frühstückstassen oder Landfrauenkost auf den Tellern?
Oder mit Urlaub im eigenen Land statt in der Ferne. Heimatgefühle liegen im Trend, das sieht man überall. In der Produktwelt wird Heimat dabei idealisiert. Denke Sie an das Flensburger Bier. Da hat man eine kulturelle Eigenart der Norddeutschen, nämlich nicht sonderlich kommunikationsfreudig zu sein, sozusagen als Story um ein Produkt gewoben und gibt dabei gleichzeitig ein selbstbewusstes Heimatgefühl wieder. Das lässt sich derzeit gut vermarkten.

Heimat lässt sich aber derzeit auch gut missbrauchen.
Ja, natürlich. Ein Aspekt, den man nicht unterschätzen sollte. Die Sehnsucht, irgendwo zu Hause zu sein, ist etwas, was politische Strömungen unterstützt, die letztendlich das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen. Unser Alltag hat sich aber verändert. In der globalisierten, virtuellen Welt können wir gar nicht mehr zurück zur Vergangenheit mit klassischen Traditionen – was aber Politiker wie Trump, Orban oder Erdogan dennoch weiterhin versprechen.

Worin besteht die Gefahr?
Dass Heimat mehr sein soll als eine kulturelle Kostbarkeit. Eine Art Insel oder Scholle, die man mit Gewalt verteidigen muss.

Wie viel Heimatgefühl ist also empfehlenswert?
Es sollte ein kulturelles Gefühl und kein Anspruch auf ein Territorium sein.

Es gibt ein Sprichwort: „Heimat ist am schönsten aus der Ferne.“ Ist da etwas dran?
Alles, was aus dem eigenen Blickfeld verschwindet, gewinnt an Wert. Anders gesagt: Präsenz kritisiert das Alltägliche, und Erinnerungen idealisieren die Erlebnisse.

Hand aufs Herz. Haben Sie auch ein Heimat-Symbol im Regal? Etwa ein Buddelschiff?
Nein, ich habe aber gute Laune im Kopf, wenn ich an meine Heimatstadt Hamburg denke.

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