zur Navigation springen

Interview : „Viele Eltern vernachlässigen ihren Erziehungsauftrag“

vom

Dieter Krüger, Leiter des Tornescher Jugendzentrums Jottzett erklärt, warum es so schwierig ist, Kindern und Jugendlichen soziale Kompetenzen zu vermitteln.

shz.de von
erstellt am 07.Mai.2017 | 00:00 Uhr

Dieter Krüger ist Fachdienstleiter der Stadt Tornesch. Zu seinen Aufgabenfeldern gehört die Fachaufsicht über die Schulsozialarbeit, die Wahrnehmung der Aufgaben der Stadtjugendpflege und die Leitung des Tornescher Jugendzentrums JottZett. Im Sonntagsgespräch erklärt Krüger unter anderem, warum es so schwierig ist, Kindern und Jugendlichen soziale Kompetenzen zu vermitteln und was er von den Eltern erwartet.

Wie sieht die Arbeit des JottZett aus?
Das JottZett ist montags bis donnerstags von 12 bis 20 und freitags sogar bis 22 Uhr geöffnet und macht offene Kinder- und Jugendarbeit. Unser Schwerpunkt ist die Beziehungsarbeit mit den Zehn- bis 20-Jährigen. Um eine Beziehung aufzubauen, locken wir mit unterschiedlichen Angeboten. Musikstudio, eine Werkstatt mit Raum für Fitnesstraining, Tischtennisplatte – bei uns gibt es viele Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Natürlich verweigern wir uns auch nicht der Technik und richten zum Beispiel Turniere mit der Playstation aus. WLAN ist immer ein großes Thema. Irgendwann werden wir es im JottZett haben. Aber nur nach unseren Regeln.

Ist es schwer, an die Jugendlichen heranzukommen?
Wir haben allein durch die Nachbarschaft zur Klaus-Groth-Schule Möglichkeiten, an die Jugendlichen heranzukommen und engagieren uns bei Veranstaltungen wie dem Stadtfest. Wir versuchen zudem ein Angebot vorzuhalten, das möglichst viele anspricht. Es ist aber auf alle Fälle schwieriger für uns geworden. Durch Medien und Ganztagsschulen gibt es einen Verdrängungswettbewerb. Das bekommen auch Vereine, Feuerwehren und die Kirche zu spüren. Der tägliche Stress, dem Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind, wirkt sich auf ihr Verhalten aus.

Wie zeigt sich das?
Früher konnten wir uns spätestens ab 13.30 Uhr um das kümmern, was die Jugendlichen belastet und vieles auffangen. Heute dauert der Unterricht bis in den Nachmittag und jeder geht danach  erschöpft mit seinen Problemen nach Hause. Aufgrund des ständigen  Drucks kommen die Schüler nicht zur Ruhe. Sie haben gar keine Zeit, Auseinandersetzungen, Forderungen der Lehrer oder Kritik zu reflektieren und direkt darauf zu reagieren. Früher konnte bei uns jeder knallhart seine Meinung sagen und Konflikte austragen. Heute werden Probleme verschleppt. Was man sich früher direkt ins Gesicht sagte, wird inzwischen bestenfalls schriftlich per Smartphone kommuniziert.

Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Die fehlende Bindungsfähigkeit der Kinder ist ein erhebliches Problem. Niemand kann sich mehr wirklich auf den anderen verlassen. Man achtet nicht mehr genug aufeinander. Es bestimmen fast nur noch Statussymbole, wie jemand beurteilt wird. Totes Material ist wichtiger als der Mensch. Der Wunsch, einfach etwas mit anderen zu unternehmen und sich mit ihnen zu beschäftigen, ist extrem zurückgegangen. Viele wissen gar nicht, wie es ist, richtig zu spielen und finden es toll, wenn sie bei uns mal etwas machen, ohne irgendwelche Knöpfe zu drücken. Ich frage mich, wieso so etwas in vielen Elternhäusern nicht mehr vermittelt wird. Unser Ziel ist, soziale Kompetenz zu vermitteln und jedem zu zeigen, dass er etwas wert ist. Freunde und Familie versäumen das leider viel zu häufig.

Vernachlässigen viele Eltern ihren Erziehungsauftrag?
Leider ja. Ein Grund dafür ist der seit den 1980er Jahren  stetig zunehmende Konsumterror. Das Wohlergehen wird nur über das Materielle definiert. Ich persönlich spreche deshalb von einer Wohlstandsverwahrlosung. Was wichtig fürs Leben ist, wird nicht mehr vermittelt, so dass die Kinder und Jugendlichen überfordert sind, wenn sie auf eigenen Beinen stehen müssen. Dazu kommt: Früher wurden Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren auffällig. Heute ist das häufig schon in der Grundschule der Fall. Auch, weil die Eltern es bis dahin nicht geschafft haben, ihrem Nachwuchs bestimmte Werte zu vermitteln. Die Eltern müssen Vorbilder sein. Sie können nicht alles auf Kindergärten und Schulen abwälzen.

Was können Kitas und Schulen überhaupt tun?
Wenig, weil überall das Fachpersonal fehlt. Zu wenig Schulpsychologen, der Jugendhilfeträger ist unterbesetzt, die Sonderpädagogen fahren nur noch ständig zwischen verschiedenen Schulen hin und her – die Probleme sind allen bekannt. Wir müssen viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit in die Erziehung investieren. Zudem ist es wichtig, die Fähigkeiten eines Kindes realistisch zu betrachten. Nur dann ist es möglich, jeden mitzunehmen. Was hilft es, wenn ein Kind völlig überfordert ist?

Was macht angesichts dieser Probleme den Reiz Ihrer Arbeit aus?
90 Prozent der Jugendlichen sind in Ordnung, nur bei zehn Prozent liegt vieles im Argen. Hier in Tornesch ziehen Politik und Verwaltung – dazu gehört auch das JottZett – an einem Strang. Wir kämpfen gemeinsam dafür, dass es bei diesen zehn Prozent bleibt und die Quote mit viel Glück vielleicht sogar sinkt. Dazu kommt der familiäre Charakter. Wenn es darauf ankommt, stehen wir zusammen und tun etwas. Das ist die große Stärke von Tornesch. Offene Kinder- und Jugendarbeit bedeutet für mich, dass wir uns nicht in unseren Büros einschließen. Draußen tobt das Leben und da gehören wir hin, wenn wir an die Menschen herankommen wollen. Das macht den Reiz meiner Arbeit aus.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen