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RE 70 nach Neumünster : Verdächtiger Koffer in Kiel entdeckt - Zug fährt weiter

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ängstliche Bundespolizisten, eine panische Schaffnerin, verunsicherte Fahrgäste: Die Bahn-Odyssee eines herrenlosen Koffers in SH.

Kiel | Ein herrenloser, schwarzer Koffer ist von Kiel nach Neumünster gereist. Bundespolizisten hatten ihn entdeckt - aber sich nicht getraut, ihn anzufassen. Und so fuhr der Regionalexpress RE 70 mit dem Koffer ab, besorgte Fahrgäste und eine panische Schaffnerin inklusive.

Es sind unruhige Zeiten: Wegen einer Tragetasche, entdeckt in einer Regionalbahn, wurde am Mittwoch der Lübecker Hauptbahnhof evakuiert. Zwei Stunden lang fuhren keine Züge, Entschärfer rückten an. Inhalt der Tasche: Decken, Kissen und eine Babymütze. Für die Fahrgäste war der Bombenalarm ärgerlich, aus polizeilicher Sicht ist aber alles vorbildlich gelaufen. Was von dem Ereignis im Regionalexpress nicht behauptet werden kann.

In dem Zug saß auch der Kieler Rechtsanwalt Wolfgang Ewer, mit einem Kollegen auf dem Weg nach Hamburg. Für shz.de hat er die Ereignisse aufgeschrieben. Sie beginnen in dem Moment, als er das Gepäckstück, das im Einstiegsbereich eines Waggons stand, beim Info-Point der Bahn meldet: „Eine Bedienstete befragte die Passagiere, ob einem von ihnen der Koffer gehöre. Dann verständigte sie die Bundespolizei. Wenig später erschienen drei oder vier Beamte. Sie nahmen den Koffer in Augenschein und berieten, was zu tun sei. Einer fragte seinen Kollegen, ob er den Koffer herausheben wolle. Dieser erklärte sinngemäß, das werde er ganz gewiss nicht tun, er werde ihn nicht einmal anfassen.“

Die Beamten verließen dann gegen 19.15 Uhr den Zug. „Wir rechneten fest mit einer vorläufigen Evakuierung. Zu unserem Erstaunen setzte sich der Zug aber pünktlich um 19.21 Uhr in Bewegung. Ich rief die Bundespolizeiinspektion Kiel an und drückte mein Befremden darüber aus, dass die Beamten die Sache offenbar so ernst nahmen, dass keiner von ihnen den Koffer aus dem Zug heben oder auch nur anfassen wollte, die Bahn aber gleichwohl losgefahren sei. Der Polizist, der meinen Anruf entgegennahm, erklärte daraufhin, er verstünde das auch nicht. Ohne ihre Freigabe hätte der Zug nicht abfahren dürfen.“

Wolfgang Ewer schlägt vor, den Koffer beim nächsten Halt in Bordesholm aus dem Zug zu entfernen. Dies sei nicht möglich, soll geantwortet worden sein, da es in Bordesholm keine Bundespolizei-Dienststelle gebe.

Kurz nach dem Telefonat erscheint die Schaffnerin. „Wir wurden Ohrenzeuge eines von ihr entgegengenommenen Telefonanrufs, in dem sie sich darüber beschwerte, dass sie von einer solchen Situation erst durch Fahrgäste erfahre und dass weder sie noch der Lokführer zuvor durch die Bahn verständigt worden seien.

Im weiteren Verlauf des Telefonats sagte sie in gereiztem Tonfall: ,Und jetzt soll ich entscheiden, ob in Neumünster alle erst mal aussteigen oder nicht.‘ Weiter fielen die Worte: ,Ist mir doch egal, ob in Lübeck der Bahnhof auch schon gesperrt ist. Die Passagiere und ich sind hier im Zug.‘“

Kurz darauf gibt die Zugbegleiterin per Lautsprecheransage durch, dass in Neumünster wegen eines Polizeieinsatzes mit einem Aufenthalt von 15 Minuten zu rechnen sei. Am dortigen Bahnhof tragen dann zwei Bundespolizisten den Koffer aus dem Zug. „Wir fuhren nach wenigen Minuten weiter“, schildert Wolfgang Ewer, der für sich ein klares Fazit zieht: „Der Vorgang macht deutlich, dass bei derartigen Situationen offensichtlich ein erheblicher Optimierungsbedarf besteht – insbesondere bezüglich des Zusammenwirkens von Deutscher Bahn und Bundespolizei.“

Dem Rechtsanwalt stößt auf, dass die Bundespolizisten die Sache zwar ernst nahmen, aber trotzdem nicht sichergestellt haben, dass der Zug bis zur Klärung der Lage im Kieler Hauptbahnhof blieb. Seine Schelte trifft aber auch die Bahn. Zumindest die Mitarbeiterin vom Info-Point wusste von dem herrenlosen Koffer – schließlich hatte sie die Bundespolizei alarmiert. Lokführer und Zugbegleiterin aber nicht.

Was ist schliefgelaufen? Warum ist der Zug ohne Freigabe durch die Bundespolizei abgefahren? Warum ist der Koffer nicht schon beim nächsten regulären Halt in Bordesholm aus dem Regionalexpress geholt worden?

Diese Fragen hat shz.de der Bundespolizei und Bahn gestellt. Matthias Menge, Sprecher der Bundespolizei, sagt dazu: „Es ist uns nicht möglich, den Sachverhalt sofort aufzuarbeiten, da die beteiligten Kollegen im Schichtdienst arbeiten und nicht zu erreichen sind. Wir werden die umfassenden Antworten aber liefern.“

Egbert Meyer-Lovis, Sprecher der Deutschen Bahn erklärt: „Wir haben größtes Interesse an der Aufklärung des Sachverhalts, können aber noch nicht sagen, warum der Regionalexpress abgefahren ist. Wegen des Schichtdienstes sind die Zugbegleiterin und weitere beteiligte Personen nicht erreichbar.“

Herrenlose Koffer sorgen für Behinderungen in Niedersachsen

In Niedersachsen haben am Donnerstag drei herrenlose Koffer den Bahnverkehr behindert. Nach Angaben der Bundespolizei waren zwei Behältnisse in Metronom-Zügen  entdeckt worden. Ein dritter Koffer wurde auf dem Bahnhof Celle gefunden. In einem Koffer im Bahnhof Northeim fanden Experten nur Kochgeschirr. Ein anderes Behältnis enthielt nur Wäsche und andere Reise-Utensilien. Es kam zu massiven Behinderungen und Ausfällen auf der Strecke Göttingen – Hannover gekommen sei.

Am Vormittag hatte eine Schreibmaschine einen Polizeieinsatz auf dem Bahnhof Celle ausgelöst. Sie lag in einem herrenlosen Hartschalenkoffer auf dem Bahnsteig. Das Gleis wurde füber eine Stunde lang gesperrt. Es stellte sich heraus, dass sich in dem Koffer eine elektrische Schreibmaschine befand. 

   
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erstellt am 03.Dez.2015 | 16:52 Uhr

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