Delfter Fliesen : Zwischen Handwerk und Kunst

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Wer zu Claudia van Hees kommt, der will etwas wirklich Individuelles für sein Haus. Handgemalte Fliesen produziert sie in ihrer Manufaktur. Was in den Sechzigern und Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts in Altbauwohnungen von den Küchenwänden geschlagen wurde, wird heute wieder kräftig nachgefragt. Ihre Vorbilder sind bis zu 350 Jahre alt.

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19. Juli 2012, 19:38 Uhr

Keramikerin lernte Claudia van Hees, doch hatte sie wegen der schlechten Bezahlung und den acht Stunden täglich in gebückter Haltung an der Drehscheibe schnell die Nase voll von diesem Beruf. Sieben Jahre arbeitete sie danach auf dem Obst- und Gemüsegroßmarkt in Hamburg.

In dieser Zeit lernte sie Jörn Stawe kennen. Der begeisterte sich für historische Baustoffe. Gemeinsam stöberte man in Büchern und ging auf Erkundungstouren. Eines Tages kam Jörn Stawe mit der Replik einer Delfter Fliese aus Holland zurück. „Das kannst du auch“, sagte er zu Claudia van Hees – und eine Geschäftsidee war geboren. Angefangen haben die Beiden in einen Hinterhof in Hamburg-Eppendorf. Allerdings haben sie noch jahrelang parallel in ihrem alten Job gearbeitet – Stawe hat Fernmeldetechniker gelernt – und an der neuen Existenz gefeilt. Die Beiden arbeiten unter dem Dach von „Antikbau Stawe“, haben jedoch ihre eigenen Firmen.

Seit 20 Jahren ist die Fliesenmanufaktur Berufung und Leidenschaft von Claudia van Hees. Sie schildert detailliert, wie die Mauren im achten Jahrhundert die Fliesen nach Spanien brachten. Damals waren die Stücke noch bunt. Die Iberer trieben Handel mit den Holländern, wodurch das Handwerk zu ihnen kam. Im 17. Jahrhundert wurde in Europa chinesisches Porzellan en vogue, was auch die holländischen Fliesenmaler beeinflusste. Fortan benutzten sie die typischen Blautöne aus dem Reich der Mitte für ihre Produkte. Mit den Tonscheiben können auch schon mal ganze Geschichten erzählt werden, etwa aus der Bibel. Aber auch ganze Bilder mit einer Fläche bis zu zwei Quadratmetern kann sie liefern. Manchmal liefert sie weiße Fliesen, die rissig aussehen und an den Rändern angestoßen sind. In Berlin seien Designer von Lokalen und Geschäften ganz wild auf diese Stücke, berichtet sie. Die scheinbar alten Fliesen stehen dann im Kontrast zu der supermodern gestylten Einrichtung.

Über verschiedene Schienen kommt Claudia van Hees an ihre Kunden. 19 Jahre hatte Antikbau Stawe ein Geschäft in Blankenese, woran sich Menschen noch heute erinnern. „Außerdem gibt es viel Mund-zu-Mund-Propaganda“. „Wer etwas Individuelles will, der recherchiert auch im Internet“, erklärt sie. Also wurde Wert auf umfangreiche Darstellung auf der Website gelegt. Folglich kommen die Kunden nicht nur aus dem norddeutschen Raum. Bis nach Österreich und in die Schweiz liefert Claudia van Hees.

www.antikbau-stawe.de

Viel Handarbeit und nur eine Maschine

Eine Maschine kommt nur am Anfang des Arbeitsprozesses in der Fliesenmanufaktur von Claudia van Hees zum Einsatz. Dem Ton wird darin die Luft entzogen – beim Brennen könnten die Fliesen sonst reißen – und der Stoff zu länglichen Platten gewalzt. Welches der richtige Ton ist, wurde übrigens in Zusammenarbeit mit einem Labor herausgefunden. Nach einer Trocknung von sechs bis acht Stunden – dann ist das Material lederhart – schneidet die Seestermüherin von Hand die Fliese mittels einer Schablone in die Größe von 13 mal 13 Zentimetern. Die Rohlinge trocknen noch einmal, diesmal zwei bis drei Wochen. Es folgt ein erster „Bisquitbrand“.

Sind die Stücke ausgekühlt, wird „bespatzt“. Mit einem Spachtel wirft Clauda van Hees eine Glasur gegen die Vorderseite der Fliese. Die Flüssigkeit läuft unregelmäßig herab, was jede zu einem Unikat macht. Nach der Trocknung der Glasur muss wieder gebrannt werden. Die Keramikerin verfügt über ein riesiges Archiv an historischen Motiven. Die wurde auf Pergament gezeichnet und die Konturen mit einer feinen Nadel durchgestochen. Claudia van Hees legte diese „Sponse“ auf die Fliese. Kohlestaub streut sie auf das Pergament. Es rieselt durch die Löcher auf die Glasur. So werden die Umrisse der Reproduktion einer Delfter Fliese fixiert.

Dann zieht sie noch die Konturen mit einem Pinsel nach und die Platte wird ausgemalt. „Der erste Versuch muss sitzen“, erklärt Claudia van Hees, „weil die Glasur die Flüssigkeit sofort aufsaugt.“ Zum Abschluss erfolgt der dritte Brand. Los geht es mit 2,25 Euro, für die es bei ihr eine einfache weiße Fliese gibt. 60 Stück werden für einen Quadratmeter gebraucht.

Ganze Bilder bis zu einer Größe von zwei Quadratmetern lassen sich ebenfalls aus den Tonscheiben herstellen. Dafür sind dann mehrere Tausend Euro zu bezahlen. Übrigens: Man sollte nicht Fliesen und Kacheln verwechseln, denn letztere sind die Tonscheiben an Kachelöfen.

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