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Distanz überwinden : Zwei Tonnen Bildung für Kabul

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Monika Riekhof stellt den Kommandeur der Appener Unteroffizierschule vor eine logistische Herausforderung. Die Bürgermeisterin von Hetlingen will 10000 Bilderbücher nach Kabul schicken und die Bundeswehr als Kurier einspannen.

„Die Einfuhr wird ein Problem“, sagte Oberst Markus Kurczyk bei einem Pressegespräch in der Appener Kaserne. Aber er ist Feuer und Flamme für Riekhofs Idee. 2012 war er ein Jahr lang als „Führer deutscher Kräfte“ in Afghanistans Hauptstadt stationiert. Kurczyk kennt die vier deutschen Schulen, an denen die Bücher gelesen werden sollen, und den Alltag der Kinder. „Sie gehen in Kabul nicht in eine Buchhandlung und kaufen ein Buch. Es ist dort sensationell, etwas Eigenes zu besitzen“, erläuterte er. Aber der Transport dieser zwei Tonnen schweren Fracht bringt selbst einen erfahrenen Soldaten wie ihn ins Grübeln.

Die Bilderbücher stammen aus den Überproduktionen von Verlagen, die sie bedürftigen Familien spenden wollen. 94000 Exemplare vermittelte die Kulturstiftung „Selbst.Los!“ in Frickingen am Bodensee an die Tafeln in Deutschland. Die Hamburger Tafel bot sie dem Verein Elbkinderland an. Nachdem dessen Schirmherr Rolf Zuckowski der Hetlinger Bürgermeisterin davon berichtete, nahm sie ihm immerhin 26000 Exemplare ab. 15000 Stück will sie dem Kreis Pinneberg für Flüchtlingskinder überlassen und 650 an die Chöre im Elbkinderland verteilen. Der Rest lagert nun in einer Halle der Kaserne.

„Am besten müsste ich die Bücher persönlich begleiten“, sagte Kurczyk. Theoretisch könnte er sie mit einer Bundeswehrmaschine nach Afghanistan fliegen. Allerdings würde er sie kaum vom militärischen in den öffentlichen Teil des Flughafens überführen dürfen. „Bücher für afghanische Schulen haben nichts mit dem Auftrag der Bundeswehr zu tun“, erläuterte der Oberst. Der Staat würde die Einfuhr als illegal einstufen.

Die meisten Bücher sind zweisprachig in Deutsch und Englisch gehalten. Zu der Sendung gehören auch 600 Kuscheltiere und 390 Malbüchern samt Stiften von der Raiffeisenbank Elbmarsch.

Kurczyk betonte: „Wir müssen uns für die Menschen dort interessieren.“ Überall in Afghanistan würden die Bürger auf Elektrizität, Kanalisation und Arbeit warten. Gerade die junge Generation habe große Erwartungen an das westliche Engagement geknüpft, sei aber enttäuscht von anhaltender Korruption und Kriminalität.

Für den Büchertransport will Kurczyk übrigens die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) um Hilfe bitten. Deren Mitarbeiter unterstützen die deutschen Schulen in Kabul bereits maßgeblich.

Ein Lied aus Hetlingen baut eine Brücke über eine Distanz von 6000 Kilometern / Afghanische Kinder summen es auf den Straßen

Eine erste Sendung schickte Oberst Markus Kurczyk auf Anregung der Hetlinger Bürgermeisterin Monika Riekhof 2015 über die GIZ nach Kabul. Rolf Zuckowski und der Elbkinderland-Projektchor hatten bei den Proben für das Festival „Appen musiziert“ den Titel „Lieder, die wie Brücken sind“ aufgezeichnet. Welche erstaunliche Wirkung eine DVD mit der Aufnahme in Kabul entfaltete, sahen die Besucher des Hetlinger Neujahrsempfangs. Die Lehrer der deutschen Schulen hatten den Kindern das Lied beigebracht und ebenfalls eine Aufnahme erstellt, die Kurczyk im Januar in der Mehrzweckhalle vorführte. „Aufgrund dieser Idee sind in Kabul bereits drei Chöre gegründet worden. Hunderte Kinder summen das Lied“, berichtete er. Das Lied hatte eine Brücke über eine Distanz von rund 6000 Kilometern gebaut. Riekhof und der Oberst wollen die Verbindung nun ausbauen. (jhf)

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erstellt am 05.Feb.2016 | 20:39 Uhr

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