Marseille-Kaserne : „Wunderschön, aber korrupt“

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Er hat noch Hoffnung für die Ukraine. Viele Gründe sieht Oberst a.D. Bernd Schulte dafür allerdings nicht.

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17. Juni 2014, 17:58 Uhr

Bei einem Vortrag an der Unteroffizierschule der Luftwaffe in Appen zeichnete er ein desolates Bild des Staates vor den Toren der Europäischen Union. Rund 150 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Vereinen und Verbänden hörten zu. Kommandeur Oberst Klaus Christian Kuhle hatte sie im Rahmen der vierteljährlichen „Appener Gespräche“ eingeladen.

Schultes Thema lautete: „Die Ukraine, ein Land in Europa – sehr persönliche Erkenntnisse aus dem Leben eines Verteidigungsattaché“. Von 2000 bis 2004 hatte er dort gearbeitet. Seine Erfahrung: „Nicht die zentrale Staatsmacht hat das Sagen, sondern die Oligarchen, die irgendwo mittendrin sitzen und abkassieren.“ Vier bis fünf Prozent der Bevölkerung besäßen 95 Prozent des Kapitals, 80 Prozent lebten unter dem Existenzminimum. Auch die jüngste Wahl am 25. Mai 2014 habe an der Situation nichts geändert.

Die Ursachen sieht Schulte in der Geschichte: „Beim Zusammenbruch des Kommunismus und des sowjetischen Imperiums saßen die Profis in Moskau, und die Amateure in den Provinzen wie der Ukraine“, erläuterte er. Das Land sei auf die Eigenständigkeit nicht vorbereitet gewesen.

Nachdem die Oligarchen ihre Privilegien verloren hatten, hätten sie sich dadurch schnell anderweitig bedient, etwa bei Investoren und der Bevölkerung. Das wirtschaftliche System sei von Ausbeutung geprägt.

Um die Politik stehe es nicht besser. Die Regierung habe zwar 1993/94 die französische Verfassung abgeschrieben, aber nicht danach gelebt. So soll theoretisch ein Zivilist das Verteidigungsministerium führen. Bis auf eine kurze Ausnahme hätten aber immer Militärs den Posten besetzt.

Unverlässlich auch das Rechtssystem: Der Staat habe 1994 zwar das Bürgerliche Gesetzbuch abgeschrieben. Doch die Gesetze würden schlichtweg nicht angewendet werden. Fehler wies Schulte auch dem Westen zu. Der hätte die Staatsführungen wegen nicht eingehaltener Wahlversprechen zur Rede stellen müssen und versäumt, den Mittelstand, die Polizei und das Bildungssystem aufzubauen.

Schultes Hoffnungen für die Ukraine speisen sich aus einer anderen Quelle. Das Land sei wunderschön und romantisch, die Bevölkerung gastfreundlich und aufgeschlossen, die Kultur reich. „Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Das wäre auch zu traurig. Ich habe in den vier Jahren in der Ukraine mein Herz daran verloren“, sagte er.

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