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Uetersener Nachrichten

23. Oktober 2017 | 14:02 Uhr

Neu : Wer kennt Leute, die nicht lesen können?

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Rund 25000 Erwachsenen im Kreis Pinneberg fehlt die Fähigkeit, diesen Text zu lesen. Das schätzt der SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Dieter Rossmann.

shz.de von
erstellt am 24.Jul.2013 | 21:28 Uhr

Sie gehören zu einer Gruppe von etwa 7,5 Millionen Menschen in Deutschland, die die Wissenschaft als funktionale Analphabeten bezeichnet. Darunter sind ungefähr 300000 Erwachsene, die ihren Namen nicht schreiben können, und rund 2,3 Millionen Bürger, die nur einzelne Worte zu Papier bringen. Der Rest kann zwar Sätze lesen und schreiben, aber keine Texte. Diese Gruppe entspricht etwa 14 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. Dazu kommen ungefähr 13 Millionen Menschen, die nur langsam oder fehlerhaft lesen und schreiben können.

Die Universität Hamburg legte diese Zahlen 2010 in der sogenannten Level-One-(leo-) Studie vor, die die Lese- und Schreibfähigkeiten der 18- bis 64-Jährigen untersuchte. „Ich war erschrocken, als die Studie aufzeigte, dass das bei uns ein Massenphänomen ist“, sagte Rossmann gestern in Tornesch. Bei einem Pressegespräch im Rathaus stellte er den ersten Kursus „Alphabetisierung – Lesen und Schreiben für Erwachsene“ an der Volkshochschule (VHS) Tornesch-Uetersen vor. In Wedel, Elmshorn, Pinneberg und Schenefeld bietet die VHS diese Lehrgänge bereits seit Jahren an. „Nicht lesen und schreiben zu können ist sehr Teilhabe einschränkend und belastend“, sagte Rossmann. Der Kursus ist für die Betroffenen daher eine große Chance. Leiterin Inga Pleines steht jedoch vor einem Problem: Wie erfahren Analphabeten von dem Kursus? „Mit unseren Heften erreichen wir sie nicht“, sagte sie. Gefragt sind Menschen, die Analphabeten kennen. Zum Jobcenter, Schulen und Kindergärten hat Pleines schon Kontakt aufgenommen. „Vielleicht ist es aber auch der Handwerksmeister oder der Kleingartennachbar, der den Kontakt herstellen kann“, so Rossmann.

Er betonte, dass Menschen ohne Schreib- und Lesekenntnisse sehr intelligent sein können. Immerhin sind 56 Prozent von ihnen berufstätig. Dank ihrer hohen sozialen und emotionalen Kompetenz würden sie ihren Mangel ausgleichen und sich trotzdem sicher in den Betrieben bewegen. Analphabetismus lasse sich häufig nur an Kleinigkeiten erkennen: Manch einer lässt Formulare grundsätzlich von anderen ausfüllen. Ein anderer sagt häufig, er könne etwas nicht lesen, weil er die Brille vergessen hat. Gefragt sind daher Menschen, die das empfindsam erkennen und den richtigen Ton treffen. Ein Problem für die VHS ist die Finanzierung. Das Land schießt pro Stunde weniger als zehn Euro zu. Die Teilnehmer müssen daher für zehn Abende 74 Euro zahlen. Das können sich viele Betroffene nicht leisten. Pleines sucht nun Spender und Sponsoren.

Der Kursus Die Tornescher Lerntherapeutin Anke Ramson vermittelt Erwachsenen Lese- und Schreibkenntnisse ab Dienstag, 10. September. Die Teilnehmer treffen sich zehnmal jeweils von 18 bis 19.30 Uhr in der Lerninsel der Fritz-Reuter-Schule, Königsberger Straße 7. Individuelle Zeiten sind möglich. Anmeldung bei der VHS unter 04122/401540. (jhf)

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