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Gemeinschaftsschule : Wenn ein Zeitzeuge berichtet

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Mit der Zeit des Nationalsozialismus hat sich die H9c der Gemeinschaftsschule im Geschichts- sowie mit dem Buch „Der Junge im gestreiften Pyjama“ im Deutschunterricht beschäftigt. Die Abschlussklasse von Insa Tietjen besichtigte die Gedenkstätte des KZ Neuengamme. Mucksmäuschenstill war es nun, als mit dem ehemaligen Moorreger Rektor Joachim Heyland ein Zeitzeuge berichtete.

shz.de von
erstellt am 10.Feb.2015 | 22:03 Uhr

Gerade hatte er das Abitur gemacht, als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach. Die Einberufung war sicher. Da sich Heyland einen Truppenteil aussuchen wollte, meldete er sich freiwillig zu den Funkern. Erst 1949 wird er seinen Studienwunsch realisieren können: „Ich habe zehn Jahre meines Lebens durch den Krieg verloren.“

Heyland kommt aus einem Bauerndorf im Riesengebirge, damals Grenzland zwischen Schlesien und der Tchechoslowakei. Von 400 Einwohnern sind zehn NSDAP-Mitglieder gewesen und an Parteiveranstaltungen konnte er sich zwischen 1933 und 1939 nicht erinnern. Die Menschen mussten zu viel und hart arbeiten, um noch Zeit für Politik zu haben. In den Städten ging es strenger zu, so Heyland.

„Ich habe Glück gehabt.“ Dieser Satz taucht immer wieder in seinen Schilderungen auf, etwa wenn ein russischer Scharfschütze nur knapp seinen Kopf verfehlte oder er zweimal fast vor einem Kriegsgericht gelandet wäre.

Den Frankreich-Feldzug macht der Heidgrabener mit. Von Herbst 1941 bis August 1942 geht er auf die Kriegsschule. An seinem 21. Geburtstag wird Heyland zum Leutnant befördert. Damals sei er stolz gewesen, doch im Nachhinein dominiert das Gefühl, dass damit Aufträge und Befehle verbunden waren, die ihn „praktisch überforderten“. Denn als er nach Russland versetzt wird, geht es „laufend zurück“. Wenn an der Front ein Offizier verwundet wird oder gefallen ist, fordert man einen Nachfolger an. Die kommen in der Regel aus der Nachrichtenabteilung, in der Heyland als Jüngster dient. Drei Verwundungen erleidet er. Beim zweiten Mal etwa wird Heyland in einem Lazarett in Salzwedel behandelt. Er kommt in Quarantäne, erfährt jedoch nicht, wieso. Es pflegen ihn nicht deutsche Krankenschwestern, sondern zwei gefangene Rotarmisten. Mehrfach wird der Offizier eingekesselt, doch am 28. Juli 1944 um 12.15 Uhr – Heyland weiß dies so genau, weil er kurz zuvor auf seine Armbanduhr schaute – gab es kein Entkommen und er geriet in Kriegsgefangenschaft. (Mehr dazu lesen Sie im unten stehenden Artikel). Gut eineinhalb Stunden berichtete der 93-Jährige präzise und detailgenau. Anschließend wollte ein Schüler wissen, wie er sich das merken konnte. Irgendwann habe er beschlossen, alles aufzuschreiben, um es loszuwerden, antwortete Heyland. 130 bis 140 Seiten sind so zusammengekommen. Doch er musste feststellen: „Los geworden bin ich es nicht.“

Hunger verändert den Charakter „Erfahrungen, die ich keinem Menschen wünsche“, hat Joachim Heyland während des Zweiten Weltkrieges sowie der Kriegsgefangenschaft gemacht. Interniert war er in einem Lager für Offiziere im Ural.

Die Essensportionen seien „zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel“ gewesen. Vier Jahre Hunger würden den Charakter verändern. Die Rationen mussten sofort aufgegessen werden, sonst wären sie gestohlen worden. „Alle haben geklaut, wenn es ging“, berichtete der Pädagoge.

Während des Zweiten Weltkrieges hielten sich die Russen an die Genfer Konvention und die Kriegsgefangenen mussten nicht arbeiten. Das änderte sich mit Kriegsende. Als härteste Erfahrung ordnet der Rektor a.D. jedoch das Spitzelsystem ein, das mithilfe von Offizieren eingerichtet wurde, die mit der Roten Armee kooperierten. „Man konnte nie sagen, was man dachte“, so Heyland.

Im Herbst 1948 wurde Heyland entlassen, „weil mit mir nichts mehr anzufangen war“. Bei einer Größe von 1,81 Meter wog er noch 50 Kilogramm. (tp).

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