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Klosterkonzerte : Wenn der Flügel klirrt und scheppert

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

An den neuen Namen muss man sich noch gewöhnen: Gräfin-Bredow-Scheune. Das ist die „alte“ Priörinnenscheune inmitten des Klosterareals, die diesen Namen erhalten hatte, weil das 2014 verstorbene Klosterfräulein (Konventualin) „ihrem“ Kloster eine nicht geringe Summe vererbt hatte. Mit dem Geld konnte die Scheune in eine würdige Kulturstätte verwandelt werden (wir berichteten).

shz.de von
erstellt am 28.Sep.2015 | 21:28 Uhr

Diese bot am vergangenen Sonntag Raum für das letzte Konzert dieser Saison. Zu Gast war Pianistin Anne Clasen aus Haselau, die, biografisch interessiert, den Nachmittag nicht nur am Blüthner-Flügel verbrachte, sondern auch am Pult – als Referentin. Anne Clasen zählt zu den Klavierspielerinnen, die sich nicht nur intensiv mit den musikalischen Werken der Komponisten befasst, sondern auch mit deren Biografen. Mit ihrem Leben, ihrem Wirken und ihrem Wesen. Diese komplexe Annäherung ist mitverantwortlich für das hohe Interpretationsvermögen der Pianistin.

Anne Clasen setzt sich seit 30 Jahren mit Komponistinnen auseinander, mit Frauen also, die sich der Tondichtkunst verschrieben haben. Am Sonntag waren es Werke von Ilse Fromm-Michaels und Ruth Schonthal, denen sich Anne Clasen unter dem Motto „Nachklänge“ angenähert hatte. Beide Komponistinnen waren in der NS-Zeit mit Berufsverboten belegt worden, Ilse Fromm-Michaels, weil sie es ablehnte, sich von ihrem jüdischen Ehemann scheiden zu lassen, Ruth Schonthal, weil sie selbst Jüdin war. Insofern hatten es beide Frauen nicht leicht. Anne Clasen gelang es, dieses, unterlegt mit biografischem Wissen, sehr transparent zu vermitteln.

Das Gesprächskonzert bestand aus zwei Teilen. Zunächst erklangen drei Werke von Ilse Fromm-Michaels, mithilfe derer ihr kompositorischer Reifeprozess dargestellt werden konnte. Auch das sensorische Feingefühl der Komponistin kam zum Ausdruck. In ihrer Passacaglia (1932) ist das kommende Unheil deutlich hörbar. Fast schon prophetisch. Ruth Schonthal musste aus Deutschland fliehen. In einer Komposition (Nachklänge) verarbeitet sie ihr Lebenstrauma der Flucht. Anne Clasen hatte die Saiten des Flügels während der Pause mit verschiedenen Gegenständen bestückt: mit Marmeladenglasdeckeln, Wäscheklammern und Schnapsgläsern aus Plastik. Diese Gegenstände im Inneren des Instrumentes schwangen beim Anschlagen der Saiten mit und verursachten klirrende Geräusche, die den Ohren alles andere als gut taten. Doch Lebenstraumata sind alles andere als wohlklingend und bequem. Bei einer weiteren Komposition der erst 2006 Verstorbenen strich Anne Clasen zuweilen über die Saiten des Flügels, brachte das Instrument also auch abseits des Tastenanschlags zum Erklingen. Das Meer und die Möwen sollten bei „Five Oceanic Preludes“ so vor den Augen der Zuhörer transparent werden. Das Konzert mit ungewöhnlicher aber zugleich spannender Musik war keine leichte Kost, sondern eine intellektuelle Herausforderung. Nicht unbedingt etwas für Konzertgenießer mit emotionalem Anspruch. Dennoch: Das Konzert mit Anne Clasen war eine Bereicherung des Kultursommers im Kloster. Man darf gespannt auf die Programmfolge für 2016 sein.

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