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Erinnerung : Vor 90 Jahren brannte Scholenfleth lichterloh

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Der 13. Juli 1923 war ein Freitag! Die Menschen in der Haseldorfer Marsch stöhnten unter der Hitze der vorangegangenen Tage, an denen die Temperaturen um die Mittagszeit immer wieder die 30 Grad-Marke geknackt hatten. Folge: Das Land war trocken, das Gras auf den Deichen braun, die Gräben leer – und die Scheunen voller Heu. So ist die Katastrophe wohl zu erklären, die am Nachmittag über die Menschen in Scholenfleth hereinbrach und die bis heute ein Teil der Familiengeschichte von Gästeführerin Annegret Hamster ist: In der Scheune des Fuhrunternehmers Diedrich Plüschau fing das Heu Feuer, und in den folgenden Stunden brannten 18 Gebäude ab, 15 Familien wurden obdachlos.

shz.de von
erstellt am 18.Jul.2013 | 20:11 Uhr

In diesen Tagen hat sich das Ereignis zum 90. Mal gejährt. In der Chronik dürfte es als eines der Vorkommnisse eingegangen sein, die das Bild eines Dorfes verändern, denn seit dem großen Feuer von Scholenfleth gibt es rund um die heutigen Straßen Achtern Dörp, Twiete und Scholenfleth auf den Dächern zahlreicher alter Bauernkaten kein Reet mehr. „Meine Großmutter hat mir die Geschichte immer wieder erzählt“, sagte Annegret Hamster, die „Dat Grootfüer“ 1993 in einem Gedicht verarbeitet hat. Wie das Feuer ausbrechen konnte, sei nie richtig geklärt worden. „Aber im Dorf wurde gemutmaßt, dass wohl Glas im Heu gelegen haben muss. Die Scherbe hat dann das Heu entzündet.“ Binnen Minuten standen zahlreiche weitere Häuser in Brand, das ausgetrocknete Reetdach war jeweils leichte Beute für die fliegenden Funken. Zusätzliches Futter für die Flammen waren die Räucherkammern, die damals zu vielen Häusern gehörten.

„Sie sind regelrecht explodiert, und die Speckseiten müssen wie Geschosse durch die Gegend geflogen sein“, so Annegret Hamster. Ihre Großmutter reagierte sofort und eilte den Nachbarn zu Hilfe. Hamsters Vater Hans Reiken, war damals gerade drei Jahre alt. Um den Knirps in Sicherheit zu wissen, band sie ihn einfach an einen Wäschepfahl auf dem Deich, allerdings nicht ohne ihm vorher ein Kissen unter den Po gelegt zu haben. „Der soll wie am Spieß gebrüllt haben, aber darauf konnte in der Situation niemand Rücksicht nehmen.“

Bis Hamburg muss das Feuer zu sehen gewesen sein. Auch von dort rückten die Feuerwehrleute an, außerdem aus dem gesamten Umfeld. „Man muss sich vorstellen, dass die Feuerwehren damals vor allem mit Handspritzen und Ledereimern ausgestattet waren“, so Annegret Hamster. Sie arbeiteten bei sengender Hitze unter Einsatz ihres Lebens und konnten doch nichts ausrichten gegen die Wucht der Flammen. Dennoch kamen bei dem Umglück keine Menschen ums Leben, eine Tatsache, die fast an ein Wunder grenzt. 15 Familien verloren alles, neben ihrem Hab und Gut auch Rinder, Schweine und Hühner. Viele Tage nach dem Brand streiften sie immer wieder durch die Trümmer ihrer Häuser auf der Suche nach Brauchbarem. „Die Not war riesig anschließend, denn die Zeit war ohnehin eine schwere.“ Aber die Menschen in Haseldorf hielten zusammen, kümmerten sich um die, die plötzlich ohne Bleibe waren, spendeten neben Kleidung und Lebensmitteln alles, was sie entbehren konnten. Heute ist die Wunde längst verheilt, Haseldorf strahlender denn je. Geblieben sind die Schilderungen von Annegret Hamsters Großmutter, gesammelt von der Enkelin.

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