Warum Milchbauer Joachim Hatje durchhalten kann : Vom Familienhof in Tornesch zur GbR

Milchbauer Joachim Hatje hat dem Strukturwandel getrotzt.

Milchbauer Joachim Hatje hat dem Strukturwandel getrotzt.

Ein gemeinsamer Betrieb mit dem Nachbarn schafft Entlastung für den Tornescher Milchbauern Joachim Hatje

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09. Oktober 2019, 17:00 Uhr

TORNESCH | Der Strukturwandel hat die Landwirte im Griff. Manche vergrößern ihre Betriebe, um günstiger produzieren zu können, denn mit ihren Erzeugnissen erzielen sie oft nur niedrige Preise. Andere geben auf. Wie geht es den Landwirten, die bis heute durchgehalten haben? Der erste Teil unserer Serie stellt Joachim Hatje vor, der seine Milchproduktion in einer kleinen Gesellschaft organisiert. Die weiteren Teile folgen jeweils mittwochs.

Seit rund 200 Jahren in der Hand der Familie

Landwirt Joachim Hatje ist dem Strukturwandel in der Landwirtschaft bisher erfolgreich begegnet. Durch einen Zusammenschluss mit seinem Kompagnon ist er im Krankheits- und Urlaubsfall vertreten. Ihren Bestand an Milchkühen haben die beiden Bauern aufgestockt. Im Alltag ist Hatje mit schwankenden Milchpreisen ebenso konfrontiert wie mit wechselnden EU-Regulierungen.

Kuschelzeit im Kuhstall: Dieses erst drei Tage alte Kalb geht mit Joachim Hatje auf Tuchfühlung.
Michaela Eschke
Kuschelzeit im Kuhstall: Dieses erst drei Tage alte Kalb geht mit Joachim Hatje auf Tuchfühlung.
 

Bereits seit rund 200 Jahren bewirtschaftet die Familie Hatje den Hof an der Ahrenloher Straße. „Als ich meine Ausbildung zum Landwirt machte, hatten meine Eltern etwa 50 Kühe“, erinnert sich Hatje. Vor mehr als 20 Jahren hat er den Hof übernommen. Schon kurz darauf gründete er mit seinem Nachbarn Carsten Glismann eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR).

Jeden zweiten Sonntag frei

Der Vorteil für beide Landwirte: Sie müssen nicht mehr 365 Tage im Jahr arbeiten, jeden zweiten Sonntag haben sie abwechselnd frei. Sonnabend ist Werktag, immer. Um 5.30 Uhr startet die erste Melkrunde, um 18.30 Uhr endet die zweite. Jeden Tag. Auch die Familienmitglieder packen mit an, zum Beispiel Joachim Hatjes Frau Andrea, die neben ihrem Halbtagsjob als Schulassistentin an einer Grundschule nachmittags und am Wochenende melkt.

Im offenen Stall entscheiden die Milchkühe, wonach ihnen ist: Fressen, Frischluft oder auch Fellpflege.
Michaela Eschke
Im offenen Stall entscheiden die Milchkühe, wonach ihnen ist: Fressen, Frischluft oder auch Fellpflege.
 

Hatje und Glismann haben ihren Rinderbestand auf zusammen 170 Tiere aufgestockt. Doch Wachstum ist nicht unbegrenzt möglich. Denn die Gülle, die bei der Tierhaltung entsteht, muss nach bestimmten Regeln auf die Felder ausgebracht werden. „Man muss genug Fläche haben“, erläutert Hatje. Auf den Feldern, die er mit seiner Gülle düngt, baut er Mais und Gras als Futter an.

Die Milchkühe leben in offenen Ställen

Dass es jetzt mehr Kühe sind, bedeute aber nicht, dass sie es schlechter haben als in kleinen Betrieben, betont der 51-Jährige. Die Milchkühe leben in offenen Ställen mit klappbaren Seitenteilen, so dass die Unterkunft luftig ist. Innen können sich die Tiere frei bewegen, zum Fressen, in den abgezäunten Außenbereich, zur Fellpflege an montierten Bürsten oder zu den Liegeplätzen gehen. Die Tiere „in Mutterschutz“ warten separiert auf den Nachwuchs. Kleine Kälber nuckeln in ihren Boxen Milch aus roten Gummisaugern.

2018 habe ich im Schnitt 32 Cent netto pro Liter Milch bekommen Milchbauer Joachim Hatje
 

Als Milchbauer ist Hatje schwankenden Milchpreisen ausgesetzt – je nachdem, wieviel Milch auf dem freien Markt gehandelt wird. Gibt es Überschüsse, sinkt der Preis. „Dieser Markt ist ja nicht regional, sondern in Teilen europaweit“, erklärt der Landwirt, „Milchpulver wird sogar weltweit gehandelt.“ Discounter verhandeln Verträge mit den Molkereien. „2018 habe ich im Schnitt 32 Cent netto pro Liter Milch bekommen“, berichtet der Familienvater. „Damit kommt man gerade eben über die Runden, wenn nichts dazwischenkommt.“ Ein paar Cent mehr würden ihm schon helfen. „Doch die Menge der Bevölkerung guckt auf den Preis.“

Den Beruf des Landwirts würde Hatje jederzeit wieder ergreifen

Von der Europäischen Union erhalten alle Landwirte eine Grundprämie für ihre bewirtschafteten Flächen. Dafür müssen Auflagen eingehalten werden, zum Beispiel das Vorhalten von ökologischen Vorrangflächen wie Knicks oder Gräben. „Eigentlich sollten die Prämien kleinere Betriebe stützen, doch den Strukturwandel haben sie nicht gestoppt“, lautet Hatjes Fazit.

„Der Strukturwandel ist nicht mehr aufzuhalten“, so sein Urteil. Höfe wachsen, spezialisieren sich, organisieren sich in Gesellschaften. Den Beruf des Landwirts würde Hatje trotzdem jederzeit wieder ergreifen. Seine drei erwachsenen Kinder schlagen beruflich gerade andere Wege ein. „Es gibt bislang keine Ambitionen, den Betrieb zu übernehmen“, sagt der Milchbauer, „aber das finde ich auch in Ordnung“.

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