Asylverfahren : Top-ausgebildet, aber nicht willkommen

Viele Mitbürger engagieren sich ehrenamtlich, um den Flüchtlingen aus den Krisenregionen Sprachkenntnisse zu vermitteln und ihnen eine sinnvolle Integration zu ermöglichen. Claus Grapengießer aus Tornesch ist ein solcher Mann. Ehrenamtlich hilft er im Sprachcafé der VHS Tornesch-Uetersen und kümmert sich auch darüber hinaus um die Flüchtlinge.

shz.de von
07. Januar 2015, 18:50 Uhr

Auch Mohammad Reza Azizi (24) gehört zu den Menschen, die im Sprachcafé einen Mittelpunkt ihres täglichen Seins gefunden haben. Azizi ist studierter Bauingenieur aus Afghanistan mit Top-Zeugnissen. Innerhalb von nur acht Monaten hat er sich die deutsche Sprache angeeignet, steht nun an der Schwelle des C1-Levels, mit dem er eine Chance auch an deutschen Universitäten hätte.

Sein Problem ist nun aber, dass sein Asylbewerberantrag negativ beschieden wurde. Aus formalen Gründen. Der junge Mann ist aus Polen nach Deutschland eingereist. Gemäß des so genannten Dublin-III-Abkommens ist eine Abschiebung nach Polen erlaubt und soll am 13. Januar auch vollzogen werden. Deutschland könnte zwar das so genannte Selbsteintrittsrecht wahrnehmen, doch bislang wurde von dieser Möglichkeit kein Gebrauch gemacht.

Seine Heimat hat der Akademiker aus unterschiedlichsten Gründen verlassen. Insbesondere liegt es ihm am Herzen, die Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan zu intensivieren. Er habe, sagte er gestern im UeNa-Gespräch, gute Kontakte zu Baufirmen in Afghanistan. Und in seinem Land müsse viel (auf)gebaut werden. Insbesondere aus Sicherheitsgründen und damit die Menschen dort eine Perspektive erhalten.

Die Taliban und andere Bedroher seien immer noch überall im Land, das sei der Grund für ihn gewesen, zu fliehen.

Er habe kurzzeitig für einen US-Konzern gearbeitet und sei auf dem Weg zur Arbeit und von dieser zurück immer wieder beschossen worden. Seinen Vater hätten die Taliban sogar einmal entführt. Man könne leben und arbeiten in Afghanistan, doch die Bedrohungslage sei noch immer zu hoch.

Noch lebt Azizi in einer Uetersener Wohnung für Asylbewerber, doch in fünf Tagen muss er sich in Neumünster melden. Von dort aus soll er nach Polen abgeschoben werden. Claus Grapengießer macht das sehr zornig: Von höchster politischer Stelle fabuliere man ständig, dass man Fachleute benötige, und dann komme ein solcher, eigene sich die deutsche Sprache an, sei hoch motiviert und werde nun einfach fallen gelassen. „Mit seiner Ausbildung als Bauingenieur (jahrgangsbester Studienabschluss) und seinen praktischen Baustellenerfahrungen gehört er genau zu der Gruppe von Fachkräften, die fast alle namhaften Politiker in den vergangenen Wochen angesprochen haben.“ Die ermunternden Worte der Politiker würden durch die Wirklichkeit relativiert. „Die Finanzierung unserer Universitäten für die Ingenieurausbildung kostet die öffentliche Hand viele Millionen - warum wird ein bereits fertig ausgebildeter junger Ingenieur mit allerbestem Abschluss weggeschickt. Das ist wissentliche Vergeudung von Steuermitteln. Der darüber hinaus verursachte erhebliche Verlust für die Rentenversicherung ist selbsterklärend“, sagt Grapengießer, der inzwischen den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages eingeschaltet hat. Befasst sich das Gremium dort mit dem Fall des Ueterseners, wird das Abschiebeverfahren für die Dauer der Verhandlung ausgesetzt.

Am Freitag hat Azizi, der sich sehr um eine Arbeit bemüht (dann erhält er unter gewissen Voraussetzungen ein Visum), ein Vorstellungsgespräch bei einer Baufirma in Hannover. Zudem hofft er auf das Votum der Bundestagsabgeordneten Ole Schröder und Ernst Dieter Rossmann, die über Claus Grapengießer über den Fall ebenfalls in Kenntnis gesetzt wurden.

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