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Eine unerwartete Ausgleichsfläche : Tangstedt kauft Grundstück in Borstel-Hohenraden zum Knickbau auf

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Gemeinde Tangstedt hat in Borstel-Hohenraden von einer Privatperson im Möhlmoor Boden gekauft und baut dort als Ausgleichsmaßnahme einen Knick – ohne dass Borstel-Hohenraden davon gewusst haben will.

Borstel-Hohenraden | Es ist eine kuriose Geschichte, die in der vergangenen Gemeindevertretersitzung in Borstel-Hohenraden zu Gehör kam: Die Gemeinde Tangstedt hat in Borstel-Hohenraden von einer Privatperson im Möhlmoor Boden gekauft und baut dort als Ausgleichsmaßnahme einen Knick – ohne dass Borstel-Hohenraden davon gewusst haben will.

Der Jäger und Naturschutzbeauftragte Günter Heitmann stolperte rein zufällig im März über die Vermessungsarbeiten, als er auf dem Areal neben der Golfanlage eine Rehwildzählung durchführte. Auch die Gemeindevertreter fielen aus allen Wolken, als Heitmann in der Einwohnerfragestunde nochmals nachhakte. Weder im Bauausschuss noch in der Gemeindevertretung soll dieses Thema je auf den Tisch gekommen sein.

Tangstedts Bürgermeisterin Henrietta Krohn hingegen weiß: „Die Person, die uns das Gebiet verkauft hat, hat es vorher Borstel-Hohenraden angeboten.“ Das wäre allerdings nicht ihre Pflicht gewesen. Laut Krohn hat Tangstedt das Areal aufgekauft, als Borstel-Hohenraden es ablehnte – es gehört also zu Tangstedt. Bürgermeister Rahn ist nach eigener Aussage erst durch Heitmann auf den Knickbau aufmerksam gemacht worden. In der Gemeindevertretersitzung sagte er: „Das finde ich als Bürgermeister schade, aber das ist rechtens. Der Kreis hat das geprüft und den Bauantrag genehmigt.“

Dass das Vorgehen richtig war, bestätigt Jörg Kastrup von der Unteren Naturschutzbehörde im Kreis Pinneberg. „Privatpersonen oder auch Institutionen können sogenannte Ökopunkte frei auf dem Markt handeln. Diese können bei Baumaßnahmen angerechnet oder auch weiterverkauft werden.“ Gang und Gebe, laut Kastrup.

Knick: Gefahr oder Schutz für Vögel?

Nur über die Sinnhaftigtkeit der Maßnahme scheiden sich nun noch die Geister. Während die Naturschutzbehörde nach Prüfung längst das Go gegeben hat, ist Borstel-Hohenradens Naturschutzbeauftragter entsetzt. „Normalerweise bin ich der erste, der Hurra schreit, wenn ein Knick gebaut wird. Aber nicht hier“, sagt er. Heitmann sieht an dieser Stelle ein Wiesenvogel-Biotop, ideal für Braunkehlchen, Goldammer und Kiebitz. Zum Teil gefährdete Arten. Die großen Bäume, die zu den Knicks gehören, böten laut Heitmann gute Voraussetzungen für Krähen und Greifvögel, die die Wiesenvögel vertreiben würden. Seiner Meinung nach verbieten mehrere Paragrafen im Naturschutzrecht den Knickbau an dieser Stelle.

Helmut Schäfer, Fachbereich Bauen und Ordnung beim Amt Pinnau, widerspricht vehement: „Wir haben ein Ingenieurbüro mit einer Prüfung und Dokumentation beauftragt in Absprache mit der Naturschutzbehörde. Das wurde alles richtig gemacht. Die gesamte Fläche wurde dabei abgelaufen. Wir machen das ja nicht zum ersten Mal.“ Heitmanns Vorgehen könne er nicht nachvollziehen.

Auch Kastrup hält dagegen: „Vögel profitieren meist von dem Knick durch neue Lebens- und Nahrungsräume.“ In einem Moorgebiet würde eine solche Maßnahme nicht befürwortet werden, jedoch sei an dieser Stelle der Boden durch die Landwirtschaft schon so verändert, dass dessen Schutz kein verfolgter Aspekt mehr sei. Stattdessen wird die Landschaft gegliedert und ergänzt. Heitmann hingegen hätte sich gewünscht, dass niedrige Gewächse wie Teebaum und Weidensorten gepflanzt würden. „Das ist eine typische Moorbepflanzung, die den Vögeln Schutz bietet “, sagt er. So ist es aus seiner Sicht eine Umweltveränderung zum Nachteil, eine verpasste Chance.

Doch den Knick knicken, das wird nichts. Tangstedt hat das Areal rechtmäßig für den Ausgleich erworben, damit muss dieser dort auch erfolgen. Der Schutz der Tiere wurde berücksichtigt: Auf Heitmanns Anliegen hin wurden im Knick Lücken eingeplant, damit flüchtendes Rehwild im engen Tunnel zwischen bereits angelegtem Knick und dem Grenzzaun eine Chance zu entkommen hat.

Das Schleswig-Holsteinische Landesnaturschutzgesetz regelt seit 2003 Maßnahmen, die Eingriffe in die Natur ausgleichen sollen. Dazu gehört auch  das sogenannte Ökokonto. Jörg Kastrup von der Unteren Naturschutzbehörde erläutert: „Der Gesetzgeber hat diese Spielräume mit dem Grund- und Ökokonto geschaffen, weil ein direkter Ausgleich oft sehr schwierig ist. So kann das im Vorfeld hergestellt und später angerechnet werden.“ Dies sei eine wichtige Erweiterung für den Naturschutz und für viele eine Erleichterung. „Zudem hat das den Vorteil, dass Maßnahmen gesteuert werden können.“ Sind keine passenden Flächen vor Ort vorhanden, kann die Maßnahme auch räumlich getrennt erfolgen. Für die Bewertung und Vergabe der Flächen ist der Kreis zuständig.
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erstellt am 21.Jul.2017 | 16:00 Uhr

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