Schleswig-Holstein Musik Festival : Sternstunden im Rinderstall

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So ein Konzert hat das Publikum des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) noch nie erlebt: Wie auf Wolken schwebten sie nach etlichen Zugaben der Künstler aus dem Haseldorfer Rinderstall. Und all das nach einem wahren Fiasko, denn ausgerechnet Percussion-Virtuose Martin Grubinger, dem das Solisten Porträt des diesjährigen Festivals gewidmet ist, musste am Wochenende seine ersten drei Konzerte wegen einer Magen- und Darm-Erkrankung absagen. Natürlich auch das in Haseldorf. Nahezu jeder und jede kann nachvollziehen, dass in dieser Situation selbst dem smarten und Festival versiertem Intendanten der Achtersteven auf Grundeis ging. Doch was er und sein Team dann als „Ersatz“ herbeizauberten, ließ das Eröffnungskonzert in Haseldorf zu realen Sternstunden werden.

shz.de von
15. Juli 2015, 22:03 Uhr

Alle, die ihre Eintrittskarten nicht zurückgegeben hatten – und das waren glücklicherweise die meisten – erlebten diesen prickelnden Charme der Improvisation mit Künstlern, die gern und ganz spontan eingesprungen waren, den unnachahmlichen Jazz Weltstar Nils Landgren mit seiner roten Posaune, die zauberhafte Pianistin Alice Sara Ott, die mit schwer beeindruckender Leidenschaft Chopin und Liszt interpretierte und das David Orlowsky Trio, drei Sahnepralinès, die ihre Zuhörer auf eine sinnliche Traumreise in die Welt des Klezmer entführten. Mitgebracht hatte Nils Landgren einen ganz blutjungen Pianisten, der gerade erst seinen Bachelor an der Musikhochschule in Leipzig abgeschlossen hat, Philip Frischkorn. Der 26-jährige Jazzpianist war dem Posaunen-Weltstar bei der gerade beendeten JazzBaltica aufgefallen, mit dem wollte er gern zusammen spielen und dieses Mal nicht Landgrens sonst üblichen „funky“ Jazz, sondern seine schönen, sanften meist traurigen Balladen, die Landgren auch selbst singt und dabei ein bisschen an den Rock-Star Sting erinnert, der ja auch viel jazzige und klassische Elemente in seiner Musik vereint. Philip Frischkorn spielte dazu den Steinway-Flügel wie Johann Lafer kocht: Ganz konzentriert und über die Tasten gebeugt, sehr variationsreich, ein Ausnahmetalent, von dem sicherlich in der obersten Ebene der Jazz Szene noch ganz viel zu hören sein wird.

Der gesamte erste Teil wurde vom Intendanten Dr. Christian Kuhnt höchstpersönlich moderiert, denn der hatte sich vorgenommen, den vielen Gästen gerade wegen des Ausfalls einen ganz besonderen und einzigartigen Abend bieten zu können. Im zweiten Teil hatte Nils Landgren die unsichtbaren Fäden in der Hand und arrangierte zum Schluss ein Zusammenspiel aller auftretender Künstler, das mit den jiddischen Zugaben „Donna Donna“ und „Shalom Aleichem“ selbst hartgesottenen Männern die Tränen in die Augen trieb. Das einzig mögliche Fazit: Danke Dr. Kuhnt, das war kein Ersatz, das war eine wunderbare Alternative, die die ungeahnten Möglichkeiten des Festivals gekrönt hat.

Viel Lob heimste auch Haseldorfs Festival-Gastgeber Prinz Udo von Schoenaich-Carolath-Schilden ein. „Noch nie habe ich an einem Ort gespielt, wo extra für mich die schwedische Flagge gehisst wurde wie hier in Haseldorf“, freute sich der bescheidene Star ohne Allüren Nils Landgren.

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