Schülerarbeiten : Skandale des Landes in Buchform

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Es war der 11. Oktober 1987. Tatort war Genf – Hotel Beau-Rivage, Zimmer 317. In der Badewanne liegt ein toter Mann. Er ist angezogen. Die Rede ist vom früheren Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins. Dr. Dr. Uwe Barschel. War es Mord, wie von etlichen behauptet? Ein Unfall? Oder gar ein Freitod? Bis heute bleibt diese Frage offen. Indizien sprechen für eine Ermordung des Kielers, doch es sind eben nur vage Anhaltspunkte.

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23. Oktober 2012, 21:13 Uhr

Fest steht jedoch, dass der Vorfall in der Schweiz und die vorausgegangenen politischen Ränkespiele in der Staatskanzlei (Waterkantgate) einer der größten Skandale in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland war.

Doch auch die Zeit vor 1987 ist nicht frei von aufsehenerregenden Ärgernissen im Land zwischen den Meeren. Für die Körberstiftung war das Grund genug, den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2010 dem Thema „Skandale“ zu widmen. Alle Schüler waren aufgerufen, Forschungen zur Lokal- und Regionalgeschichte vorzulegen. Jetzt ist ein Buch mit fünf ausgewählten Schüleraufsätzen aus Schleswig-Holstein erschienen. Auch vier Schüler vom Uetersener Ludwig-Meyn-Gymnasium wurden ausgewählt und konnten ihre Beiträge so veröffentlichen.

Über den Wettbewerb hinaus blieben die Pennäler am Ball. Insgesamt zwei Jahre lang recherchierten sie an ihren Texten. Für Schüler sei das mehr als ungewöhnlich, weiß Lehrer Dr. Sönke Zankel.

Björn Rohwer und Julian Clement aus dem 13. Jahrgang haben sich mit der Geschichte des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Mörders Werner Heyde befasst. Er tauchte nach dem Zweiten Weltkrieg in Flensburg unter – übrigens mit Billigung der damaligen Landesregierung.

Die Gymnasiasten mussten umfangreiche Quellenbestände bewältigen und dabei stets exakt arbeiten. „Im Vordergrund steht die Erkenntnis, dass wissenschaftliche Arbeiten aus enormer Akribie und Sorgfalt heraus entstehen müssen, um wahrheitsgetreu sein zu können“, hat Julian Clement festgestellt. Sein Mitautor Björn Rohwer betont den Unterschied zum regulären Unterricht: „Im normalen Schulalltag erhält man nie wirklich die Gelegenheit, Quellen mit einer wissenschaftlichen Genauigkeit zu untersuchen“, sagt er. Wagma Hayatie ist ehemalige Schülerin des LMG und inzwischen Geschichtsstudentin in Göttingen. Auch sie hat damals am Wettbewerb teilgenommen und stellt die Lernerfolge durch die Teilnahme an dem Wettbewerb heraus. „Das Projekt war eine sehr gute Vorbereitung auf die Arbeit in der Uni. Außerdem habe ich gelernt, kritisch mit der Literatur und den Quellen umzugehen. Das ist etwas, was im Studium und in vielen Berufen wie zum Beispiel im Journalismus gefragt ist. Insofern war die Arbeit an dem Projekt sehr bereichernd, auch auf lange Sicht.“ Ihr gelang es, mit ihrer Arbeit über den Uetersener Arzt Kurt Borm den Landessieg in Niedersachsen zu erringen. Vierte im Bunde war Christina Schubert. Sie hat ähnliche Erfahrungen gemacht: Die Schülerin untersuchte erstmals die NS-Vergangenheit der Landtagsabgeordneten nach 1945. Man könne dabei „so viel Nützliches und für die Zukunft Brauchbares lernen“, sagt sie, dass man eine solche vertiefte Arbeit nur empfehlen könne. Auch nachfolgenden Schülergenerationen. Und der Stress zahle sich am Ende aus. Doch auch darüber hinaus ist die Arbeit der Gymnasiasten von Bedeutung, denn sie haben Beiträge zur Geschichtsschreibung verfasst und erforschten mehrere Felder erstmals. Der in dem Buch zudem enthaltene Beitrag einer dreizehnten Klasse vom Otto-Hahn-Gymnasium aus Geesthacht stellt einen ganz besonderen Leckerbissen dar, nicht nur weil er den Bundessieg davongetragen hat.

An dem Gymnasium der Schüler trat 1963 der von Hitler zu seinem Nachfolger ernannte Großadmiral Karl Dönitz auf, um über die NS-Zeit zu referieren. Die Geschichtsstunde der besonderen Art hat damals internationale Proteste hervorgerufen. Ehrfürchtig wurde der verurteilte Kriegsverbrecher, der vom Internationalen Militärgerichtshof wegen Führens von Angriffskriegen und Kriegsverbrechen schuldig gesprochen und am 1. Oktober 1946 zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war, von dem damaligen Schülersprecher begrüßt – Uwe Barschel.

Das Buch: „Skandale in Schleswig Holstein – Beiträge zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten“, ist im Buchhandel erhältlich. Herausgegeben wurde es von Sönke Zankel, Kiel 2012, ISBN 978-388312-4193, 240 Seiten. Es kostet 9,90 Euro.

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