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Uetersener Nachrichten

12. Dezember 2017 | 11:56 Uhr

Kampagne : Senioren: „Wir brauchen mehr Zeit“

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

„Wer hat an der Uhr gedreht?“, sang einst der „Rosarote Panther“ im Abspann der gleichnamigen Fernsehserie. Altenpfleger stellen sich diese Frage inzwischen täglich.

shz.de von
erstellt am 23.Jul.2013 | 21:10 Uhr

Fast die Hälfte ihrer Arbeitszeit verbringen sie mit Papierkram. Ist der Bewohner geweckt und gewaschen worden? Hat er gefrühstückt und seine Medikamente genommen? Jeden Handgriff müssen die Pfleger schriftlich festhalten. So verlangen es die Aufsichtsbehörden. Ines Wiese, Leiterin des Wohn- und Service-Zentrums der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Tornesch, schätzt: „20 bis 30 Prozent gehen von der reinen Arbeitszeit ab, um zu dokumentieren.“ Katharina Birke, Leiterin der Sozialen Betreuung, vermutet, dass die Pfleger sogar die Hälfte des Tages am Schreibtisch sitzen.

Wiese betonte: „Die Dokumentation ist sehr wichtig.“ Wenn ein Kollege am Wochenende frei hatte, muss er nachlesen können, ob sich der Zustand eines Bewohners verändert hat. „Die Frage ist nur: In welcher Ausführlichkeit muss ich die Dinge beschreiben?“, so die Einrichtungsleiterin. Reicht nicht auch der Vermerk, dass der Tag für den Menschen gut verlaufen ist? „Die verbalen Streicheleinheiten, sich Dinge anhören, spazierengehen ist viel wichtiger für die Bewohner und ihr Gefühl“, sagte sie. Dafür bleibe aber keine Zeit. Mit einer Kampagne will die AWO-Pflege-Schleswig-Holstein gegen diesen Missstand angehen. „Wer hat an der Uhr gedreht? Pflege braucht Zeit!“ lautet das Motto. Der Verband will Junge dafür gewinnen, Alten Zeit zu widmen. Er will pflegende Angehörige ermutigen, sich Zeit zu nehmen. Die Politik fordert er auf, der Einrichtung mehr Zeit einzuräumen.

Das Haus an der Friedrichstraße wird während der Kampagne zu einer Zeitsammelstelle. „Wir hoffen, dass Leute vorbeikommen und sagen: Ich habe eine Stunde Zeit oder eine Idee“, sagte Klaus Griebel, zuständig für Öffentlichkeit und Technik. Birke regte an, Bewohnern beim Essen Gesellschaft zu leisten.

Griebel hat Menschen im Blick, die ihre Angehörigen pflegen. Ihnen stehen jährlich 27 Urlaubstage zu, an denen die Kassen eine Pflege zahlen. Doch nur acht bis zwölf Prozent der Angehörigen greifen darauf zu. „Sie erleben es als Versagen“, so Griebel. Die AWO will sie ermutigen, ihr Recht wahrzunehmen.

Birke würde gern Politiker auf Station empfangen. Das Problem: Der Gesetzgeber bemisst die Pflegebedürftigkeit eines Menschen anhand seiner körperlichen Fähigkeiten. Bei Demenzkranken greift das zu kurz. Manche wären körperlich in der Lage, sich zu waschen, verstehen aber nicht, was sie tun sollen. Ihre Pflege ist daher aufwändiger, als es ihnen zugestanden wird. Eine Kommission der Bundesregierung legte zwar kürzlich einen Bericht zur Reform des Pflegebegriffs vor. Unklar ist aber, wie viel sie kosten würde. Birke: „Ich wünsche mir, dass viele Politiker kommen, um zu sehen: Da muss reingebuttert werden.“ In Tornesch betreuen rund 60 Pfleger und 20 Ehrenamtliche 138 Bewohner.

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