Schlössers Meise bei Lavorenz

Sozialpädagogin Andrea Jebens (von links), Autor Sebastian Schlösser und Lavorenz-Mitgeschäftsführer Thorsten Vietheer freuten sich über das rege Interesse an der Lesung.
Sozialpädagogin Andrea Jebens (von links), Autor Sebastian Schlösser und Lavorenz-Mitgeschäftsführer Thorsten Vietheer freuten sich über das rege Interesse an der Lesung.

Autor mit bipolarer Störung liest aus seinem autobiographischen Buch

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01. Februar 2018, 16:05 Uhr

Auf Einladung des Projekts „Kopfstand“ hat Theaterregisseur Sebastian Schlösser in der Buchhandlung Lavorenz Passagen aus seinem Erfahrungsbericht gelesen. Schlösser, der an einer bipolaren Störung leidet, wendet sich in seinem Buch an seinen Sohn Matz und beschreibt eine von extremen Stimmungsschwankungen geprägte Phase seines Lebens.

„Kopfstand“, das ist ein Hilfsangebot für Kinder, Jugendliche und weitere Angehörige aus psychisch belasteten Familien, unter der Trägerschaft der Brücke Elmshorn und des Vereins für Jugendhilfe und Soziales Pinneberg. Denn wenn ein Elternteil seelisch belastet ist oder an einer psychischen Erkrankung leidet, scheint das ganze Familienleben auf dem Kopf zu stehen. In Einzelberatungen und in Gruppenangeboten für Kinder und Jugendliche erfahren die Betroffenen Verständnis.

Um auf dieses Angebot aufmerksam zu machen, organisierte Miriam Kunkel von „Kopfstand“ eine Lesereihe mit dem psychisch erkrankten Autor. Den Auftakt dazu bildete die Lesung im Uetersener Buchhaus, und aufgrund des „spannenden Themas“, so Geschäftsführer Thorsten Vietheer, hatten zahlreiche Zuhörer zwischen den Bücherregalen Platz genommen. Im Anschluss informierten die Sozialpädagogen Olaf Schneider und Andrea Jebens über das hiesige Hilfsangebot.

Die Angehörigen von Schlösser mussten erleben, wie er ihnen immer wieder entglitt. „Ich bin bipolar“, stellte er sich dem Publikum vor, „statt ‚bipolare Störung‘ sage ich allerdings lieber ‚bipolare Begabung‘, weil einen das in ungeahnte Sphären vordringen lässt, in die man eigentlich nicht vordringen wollte.“ Mittlerweile habe er diese „Begabung“ besser unter Kontrolle und sei seit zehn Jahren stabil. Um seine früheren Entgleisungen zu verarbeiten, schrieb er das Buch „Lieber Matz, Dein Papa hat ’ne Meise“. Darin beschreibt er seinem kleinen Sohn, was es bedeutet, psychisch krank zu sein und wie schwierig es ist, seine „Meise“ zu bezwingen.

Bei Lavorenz stellte Schlösser genau das Kapitel vor, das sich um die Höhepunkte seiner manischen Phasen dreht, in denen er immer wieder zwischen Antriebslosigkeit, Verzweiflung und Depression sowie zwischen Manie, Überantrieb und Hochstimmung hin- und herschwankt. In Berlin, wo er im „Theater Discounter“ Intendant ist, schlägt das Pendel gen Größenwahn aus: „Ich war der König von Berlin!“, heißt es da, oder „Ich brauchte nicht zu schlafen, ich war wie ein Delfin, die schlafen mit der einen Gehirnhälfte und schwimmen mit der anderen“.


Die Polizei bringt ihn in die Psychiatrie

Der Regisseur residiert in der Präsidentensuite eines Hotels und lässt seinen Missmut an Hotel- und Theaterpersonal aus. Im Wellness-Bereich überfällt ihn der Wunsch, sich beim Bürgermeister von Berlin für eine weitere Intendantenstelle zu empfehlen, und im Bademantel bekleidet fährt er hin, landet jedoch in einem Modegeschäft, wo er sich als „Verkäuferin“ vorstellt. Dort ist man zwar amüsiert von seinem Auftritt, doch das Hotelpersonal hat bereits die Polizei verständigt, und so landet Schlösser zum ersten Mal in der psychiatrischen Notaufnahme und im Verlauf des weiteren Geschehens dann schließlich in der „Irrenanstalt“.

Schlösser und „Kopfstand“ wiederholen die Veranstaltung am 6. Februar um 20 Uhr in der Elmshorner Buchhandlung Heymann und am 13. Februar um 20 Uhr in der Gemeinschaft in der Evangelischen Kirche Barmstedt, die Teilnahme an den vom Kreis finanzierten Lesungen ist jeweils kostenfrei.

Eine Gesprächsgruppe für Kinder und Jugendliche gibt es in Uetersen in der Familienbildungsstätte in der Ernst-Ladewig-Meyn-Straße 1, jeden Montag ab 15 Uhr. Kontakt zum Hilfsangebot gibt es bei Olaf Schneider unter Telefon (01 76) 12 26 25 16 oder bei Andrea Jebens unter Telefon (01 52) 24 17 41 35.

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