Professor : Rohstoffe machen Müllberg zu Goldgrube

Seltene Metalle, Phosphat, Kunststoff, Textilien, Bauschutt, Papier – für Stefan Gäth sind Mülldeponien wie moderne urbane Schatzkammern.

shz.de von
19. Januar 2012, 20:44 Uhr

Der Professor für Ressourcenmanagement an der Universität Gießen ist sich sicher, dass die Preise für Rohstoffe in den kommenden 15 Jahren explodieren werden. Dann könnte es sich lohnen, auch die Appener Mülldeponie zu öffnen und den Inhalt zu recyceln. Bis Ende des Jahres, so sieht es ein zwischen dem Kieler Umweltministerium und der Betreiberfirma ausgehandelter Zeitplan vor, soll die Deponie komplett abgedeckt sein. Die technische Dichtung soll verhindern, dass Regenwasser in den begrünten Müllhaufen dringen und Schadstoffe auswaschen kann. Schon jetzt werden die Grundwasserbrunnen rund um die Altdeponie regelmäßig auf Rückstände hin untersucht.

Für Professor Gäth sind diese Bemühungen verständlich und notwendig, aber im Hinblick auf nachkommende Generationen keine Lösung. „Es gibt keine hundertprozentig sichere Abdeckung. Das Problem, wie Sie dauerhaft mit einer Deponie umgehen wollen, wird dadurch nur in die Zukunft verschoben“, sagte er im UeNa-Gespräch. Der Giessener Institutsleiter gehört zu einem Kreis führender Wissenschaftler in Deutschland, die einen ganz anderen Umgang mit Altdeponien für sinnvoller, weil nachhaltig halten. Die Müllberge anbohren, eine Deponie-Typologie erstellen, die enthaltenen Rohstoffe und damit auch einen möglichen Erlös schätzen und den Kosten für einen Rückbau gegenüberstellen, wäre für ihn der bessere Weg. Das Konzept ist Teil des „Urban Minings“, ein relativ junger Begriff in der Abfallwirtschaft. Grundlage ist die Erkenntnis, dass Städte und Metropolregionen gigantische Recy-clingquellen sind.

Auch Gäth ist der Überzeugung, dass Rohstoffe etwa in Gebäuden, elektronischen und Industrieanlagen oder Elektrogeräten nur geparkt sind und beliebig wieder verwendet werden können. „Im Hinblick auf den Rückbau einer Deponie stehen wir im Augenblick an der Schwelle zur Wirtschaftlichkeit. Ob es sich rechnet, hängt noch sehr stark von der Größe ab“, so Gäth. Aber in zehn bis 15 Jahren, da ist sich er sicher, wird das anders aussehen.

„Wir steuern auf eine Weltbevölkerung von zehn Milliarden Menschen hin. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Und dieses Wachstum wird eine Explosion der Rohstoffpreise mit sich bringen“, sagte er. Schon jetzt sehen Wissenschaftler nach Recherchen der „Zeit“ bei 14 Rohstoffen, darunter auch Phosphat, Chrom und Lithium, eine dramatische Verknappung.

Deshalb könnte es sich lohnen, die Appener Deponie genauer zu untersuchen.

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