Vortrag : NSU-Schrecken hallt nach

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Aufmerksam verfolgen Migranten im Kreis Pinneberg den Prozess gegen Beate Zschäpe. Die Mordserie der Terror-Organisation Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) erfüllt sie auch zwei Jahre nach Beginn der Gerichtsverhandlungen in München mit Sorge.

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10. Mai 2015, 22:05 Uhr

„Nach meinem Eindruck stieg der Schock in der Bevölkerung sogar noch, seit herauskam, was geschreddert wurde und wer was wusste“, berichtete Reinhard Pohl, Vizepräsident des Einwandererbundes, am Freitag in Elmshorn. Der Verein fördert die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. „Sie sind unsicher. Sie haben den Eindruck: Uns kann man ungestrafter etwas antun als Einheimischen“, so Pohl. Er hatte Alexander Hoffmann, Anwalt eines Opfers des Nagelbombenanschlags von 2004 in Köln, eingeladen. Zu den 26 Zuhörern seines Vortrags zählte Bilal Camlik, Vizekonsul im Türkischen Generalkonsulat Hamburg.

Hoffmann versteht die Sorgen. Zwar werfe die Generalbundesanwaltschaft die Taten nur drei Personen vor: Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aus Jena. „Das ist eine bequeme These, weil zwei von drei tot sind, und die Dritte für lange in den Knast geht. Da kann man der Bevölkerung sagen: Ihr braucht keine Angst zu haben“, so Hoffmann. Zudem minderte es die Schande der Behörden, wenn das Trio isoliert vorgegangen wäre. „Dann wäre erklärlich, dass die V-Leute nicht so viel mitgekriegt haben“, sagte er.

Allerdings habe das Trio während der Jahre 1998 bis 2001 in Chemnitz, als es zwei Überfälle beging, Kontakte in die Bevölkerung gehabt. Über das anschließende Leben der Terroristen in Zwickau gebe es zwar kaum Informationen. „Aber wenn es 2001 bis 2011 ebenso wie 1998 bis 2001 war, müssen wir davon ausgehen, dass die Unterstützung weiterging. Dann wäre eine größere Anzahl von Leuten an den Morden beteiligt. Dann kann sich das auch eher wiederholen“, erklärte Hoffmann. Es spreche vieles dafür, dass die Tatorte und Flucht-routen in Städten wie Köln, Rostock und München nicht von Sachsen aus, sondern von Menschen vor Ort ausgewählt wurden. Nach diesen Unterstützern suchen die 22 Nebenklagevertreter. Jede Informanten-Notiz interessiert sie. Dass viele Akten geschreddert wurden, sei daher ein Skandal. Von der Politik fordern die Anwälte, dass Angela Merkels Versprechen einer rückhaltosen Aufklärung eingehalten werde. „Wir brauchen vollständige Akteneinsicht“, sagte Hoffmann. Beamten im Zeugenstand seien umfassende Aussagegenehmigungen zu erteilen. Sollten sie gelogen oder die Aufklärung behindert haben, seien Strafverfahren gegen sie einzuleiten. „Das Wichtigste für die Nebenkläger ist die Aufklärung“, betonte Hoffmann.

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