Vortrag : Nicht mit Daddelspielen abspeisen

Jungs sind laut, Jungs sind unruhig, Jungs ecken an – zu Hause, im Kindergarten und in der Schule. Was läuft falsch in der Erziehung von Jungen? Auf Einladung von Christine Neermann, Gleichstellungsbeauftragte des Amtes Moorrege, und Meike Förster-Bläsi von der Familienbildung Wedel e. V. schilderte der Pädagoge Heiko Brandt die Situation der Jungen, wie sie sich aus seiner Sicht darstellt.

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25. November 2013, 21:26 Uhr

In seinem Vortrag „Was brauchen Jungen?“ beantwortete der Quickborner Erzieher, der in Kindertagesstätten und in der Schulsozialarbeit tätig ist und deutschlandweit Fortbildungen zu Jungen- und Spielpädagogik anbietet, drängende Fragen humorvoll, provozierend, aber nie trocken.

Das Thema Jungen und was sie brauchen, um ihre Identität zu finden und um ihre Fähigkeiten optimal nutzen zu können, interessierte viele: Rund 50 Frauen, darunter Mütter, Tagesmütter, Erzieherinnen, Mitarbeiterinnen von Betreuungsgruppen und Lehrerinnen sowie einige Männer hatten den Weg in die Aula der Grundschule Moorrege gefunden und ließen sich aufklären.

Im Wesentlichen seien es vier Dinge, die Jungen für eine optimale Sozialisation benötigen: Freiräume, Selbstbestimmung, Beziehungen und Partizipation, so der Pädagoge. Was ihnen fehlt, sind verlässliche Rollenbilder und männliche Vorbilder sowie die Möglichkeit, Abenteuer zu erleben. „Früher durften die Kinder butschern gehen und erlebten automatisch eine Menge“, sagte Brandt. „Heute muss man nachhelfen. Aber man kann aus allem ein Abenteuer machen“, versicherte er glaubhaft, selbst aus dem leidigen Zähneputzen. Er empfahl etwa, das Kind mit einer Taschenlampe auszustatten und gemeinsam auf die Suche nach dem fiesen Monster zu gehen, das die Zahncreme gestohlen hat.

Was Jungs nicht brauchen, sind ständige Ermahnungen, das Ruhigstellen mit „Daddelspielen“ und Zwangsverabredungen mit dem Sohn von Muttis bester Freundin. „Ich kämpfe dafür, dass Jungs sich ausprobieren dürfen, auch wenn es mal weh tun“, sagte der Jungen-Experte. „Schnitzen mit einem echten Schnitzmesser beispielsweise“, ergänzte er. „Bei Jungs geht es um größer, lauter, höher und weiter“, erläuterte der Pädagoge. Die meisten Kindertagesstätten begegneten diesem Bewegungs- und Tatendrang mit einer winzigen Bauecke, in die alle Jungen, die „stören“, geschickt werden. „Hier sollen sie sich Spielzeug und Platz teilen, sich vertragen und leise sein. Das kann nicht klappen“, sagte Heiko Brandt. Er ermunterte die Anwesenden, den Jungen mehr zuzutrauen: Sie wüssten, wann sie sich etwas Warmes anziehen müssten, und seien in der Lage, eigene Regeln aufzustellen, so dass das Spielen in der Peergroup klappe. „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Analog dazu empfahl der engagierte Erzieher, Jungen mit vielen Menschen und vor allem mit Männern Kontakt haben zu lassen.

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