Gedenkfeier : Nachts kommt das Grauen

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Die Mitglieder des Schleswig-Holsteinischen Landtags haben am Dienstag in einer Feierstunde der NS-Opfer und der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 70 Jahren gedacht. Landtagspräsident Klaus Schlie sagte in seiner Rede vor Hunderten geladenen Gästen im Saalbau der Elmshorner Waldorfschule, der 27. Januar als Tag der Befreiung müsse immer wieder zeitgemäß interpretiert, die Erinnerung daran wach gehalten werden.

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28. Januar 2015, 18:02 Uhr

„Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir an die Verbrechen der NS-Zeit erinnern, das Gedenken authentisch weitergeben können und dabei starre Gedenkrituale vermeiden“, sagte er. Gleichzeitig mahnte Schlie Wachsamkeit und Wehrhaftigkeit als Grundlage der Zivilgesellschaft an und sprach sich mit klaren Worten gegen Intoleranz, Ausgrenzung und Generalverdacht aus. „Die Flucht in Vorurteile resultiert aus der Verunsicherung der Menschen, und das ist gefährlich“, sagte er.

Schlie machte zudem deutlich, dass jungen Menschen bei der Bewahrung der Erinnerung eine Schlüsselrolle zukomme. Auch, weil die Schicksale der von den Nazis gequälten und ermordeten Kinder zwar nicht vergessen, aber wenig beachtet würden. „Und diese Schicksale ermöglichen gerade Jugendlichen einen Zugang zu dem Thema.“ Zu den Überlebenden der industriellen Vernichtung von Menschen durch die Nationalsozialisten gehört auch Liesa Ruether. Die heute 87-Jährige, eine hoch gewachsene, schlanke Dame mit schlohweißem Haar, ließ ihr Leben während der Gedenkfeier Revue passieren, gab dem Schrecken ganz unmittelbar für die Gäste ein Gesicht. Unterstützt wurde sie dabei von einer Pastorin, die Liesa Ruether ihre Stimme lieh, wenn deren eigene versagte.

Gerade mal 16 Jahre alt war die gebürtige Hannoveranerin mit einem jüdischen Großvater, als sie 1944 nach Bergen-Belsen deportiert wurde. Bis zu dem Zeitpunkt hatte sie ihren Vater durch einen Unfall verloren, ihren Stiefvater auf der Straße vor der Wohnung der Familie im Bombenhagel sterben sehen. Sie hatte gesehen, wie ihre jüdischen Freundinnen von der Schule ausgeschlossen wurden, die Familien später spurlos verschwanden. Ihre eigene Mutter war eines Tages von der Arbeit nicht wieder nach Hause zurückgekehrt, Liesa hatte vor der Deportation vier Tage in einem Gestapo-Keller und einige Wochen in einem Frauengefängnis zugebracht.

Über die Stunden in den Fängen der Gestapo redet sie bis heute nicht, wie sie nach einem Bombenangriff, bei dem sie offenbar schwer verletzt wurde, in ein Krankenhaus gekommen ist, hat sie nie recherchieren können. Die Erinnerung daran wie auch an andere grausame Ereignisse ist ausgelöscht. Es ist Liesa Ruether offenbar nie gelungen, die Lücken zu füllen, die ihre geschundene Seele zum Selbstschutz schuf.

Im KZ Bergen-Belsen wurde sie schwer krank, litt an Typhus und Ruhr, war am Ende mehr tot als lebendig. Ein englischer Soldat rettete ihr schließlich das Leben. Wie er das Fünkchen Leben in ihrem Körper neben den vielen Toten registrieren konnte, bleibt für immer ein Rätsel. „Ich habe wohl einen Arm bewegt, hat man mir später gesagt.“

Zwei Jahr brauchte sie, um ins Leben zurückzufinden. Schwer traumatisiert suchte und fand sie Hilfe bei Fachleuten, ihrem Bruder und ihrer Schwägerin, neben ihr die einzigen Überlebenden der Familie. „Es gab immer wieder Momente in der Vergangenheit, wo ich es nicht mehr aushalten konnte“, sagte sie.

Sie verarbeitete die Geschehnisse auf ihre Weise, trat in die SPD ein, war lange Ratsherrin in Hannover, setzte sich für soziale Gerechtigkeit und dafür ein, „dass so etwas nie wieder passiert“. Heute lebt sie in Schleswig-Holstein, in der Nähe ihres Sohnes und dessen Familie. Was mit ihrer Mutter geschah, weiß sie inzwischen: Sie wurde offenbar von der Straße weg in ein Gefängnis in Wolfenbüttel gebracht und dort getötet – am 26. Juni 1944. Eine Tafel mit ihrem Namen erinnert heute an sie. Und ihre inzwischen betagte Tochter wacht noch immer manchmal nachts auf und schreit!

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