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Uetersener Nachrichten

20. August 2017 | 06:48 Uhr

Tradition : Morgen geht es raus aus den Binsen

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Heute fällt der Vorhang – definitiv! Heute gehen Gunnar Hamster, sein Vater Peter, vielleicht seine Neffen Jannik (17) und Nico (14) einmal noch los, wollen im Fährmannssander Watt das machen, was die Familie Hamster ein halbes Jahrhundert lang immer um diese Zeit machte: Binsen schneiden! Danach wird er das sichelförmige Messer, den Snieder, in eine Ecke für historische Gerätschaften legen, die an ein längst ausgestorbenes traditionelles Handwerk erinnern.

Familie Hamster gibt die Binsenschneiderei nach 50 Jahren endgültig auf. Und dieses Mal gibt es keinen Aufschub, wie in den Jahren zuvor. Der Job, schon seit 34 Jahren ein Nebenerwerb, ist unendlich mühsam geworden. Das Süßwasserwatt, einst ergiebiges Revier für Binsenschneider, produziert schon längst nicht mehr genug Binsen, um die Nachfrage zu befriedigen. Einst standen die Horste hier dicht an dicht, jetzt muss Gunnar Hamster auf der Suche nach brauchbaren Stängeln bis zur Störmündung fahren.

Kaum zu glauben, dass das Handwerk des Binsenschneiders nach dem Zweiten Weltkrieg noch zwölf Familien in Haseldorf, Haselau und Hetlingen ernährte. Heute gibt es in Schleswig-Holstein und Niedersachsen nur noch Familie Hamster, und auch die hört nun also auf. Die Ankündigung hat für große Enttäuschung bei den Kunden gesorgt, die vor allem in Worpswede, dem Ammerland und in Süddeutschland, aber auch in Holland sitzen. Insbesondere Möbelhersteller, die Stuhlflechter beschäftigen, schätzen die Salz-Teichsimse von der Elbe. „Früher war unsere mal der Mercedes unter den Binsen“, erinnerte sich Annegret Hamster, Mutter von Gunnar. Die Stängel waren perfekt: lang und kräftig, weich, aber reißfest, ideal zum Flechten von Hocker- und Stuhlsitzen.

Heute sieht das anders aus. „An der Elbe geht die Binse immer weiter zurück, so dass wir gar nicht mehr genug zusammen kriegen“, so Annegret Hamster. Wenn die Kunden im Mai ihren Bedarf anmeldeten, stand auch schon in den vergangenen Jahren fest, dass die Mengen kaum zu liefern sein würden. Da bildet die laufende Saison keine Ausnahme. Das, was Gunnar Hamster, der das Gewerbe 2002 von seinen Eltern übernahm, dann findet, entspricht außerdem in der Qualität nicht mehr dem, was er sich wünscht. Die Stängel sind dünn und eigentlich viel zu hart zum Flechten.

Für Gunnar Hamster indes bringt die Entscheidung des Familienrates eine Entlastung. Den gesamten Jahresurlaub steckte er, wie zuvor auch seine Eltern, in die Binsen. Damit ist jetzt Schluss. Auch ist das alte Handwerk ein Knochenjob. Zwölf und mehr Stunden ist der Binsenschneider unterwegs, läuft bei Hochwasser aus, schneidet bei Ebbe und läuft mit der nächsten Flut wieder in den Hafen ein. Immer längere Wege muss er im noch verbliebenen Schlick zurücklegen, dabei die kniehohen Gummistiefel an den Füßen mitschleppen.

Damit ist heute Schluss. Was bleibt, ist die Trocknung, traditionell einst die Arbeit der Frauen. Das erledigen heute Gunnar und seine Helfer selbstverständlich noch. Bis Anfang September wollen sie damit durch sein, dann werden das letzte Bündel ausgeliefert und die Lagerhalle geschlossen. Die Binsenschneiderei ist damit Geschichte für Familie Hamster. Nur einmal noch wird sich alles um die Salz-Teichsimse drehen: Am 9. September werden das 50-jährige Jubiläum der Firma und das Ende der Binsenschneiderei gefeiert. Ab 12 Uhr bittet die Familie im Rahmen des „Tages des offenen Denkmals“ in die Haseldorfer Bandreißerkate.

Die Auswirkungen der Elbvertiefungen?

Wodurch die abnehmende Qualität bei den Binsen ausgelöst wurde, ist unklar. Es dürfte mehrere Gründe geben. Einer davon ist die steigende Qualität des Elbwassers durch den Bau moderner, leistungsfähiger Klärwerke. Die Binse liebt nährstoffreiches Wasser, dass sie wie ein Filter reinigt. Diese Aufgabe hat inzwischen die Technik übernommen.

Gänsefraß ist wohl ein zweiter Grund, vermutet Annegret Hamster. Seit die Binnenelbregion um Haseldorf unter Naturschutz steht, hat sich die Zahl der Grau- und Nonnengänse drastisch erhöht. Zu Zehntausenden gründeln sie im Elbwasser und suchen dabei vor allem nach einer ihrer Lieblingsspeisen: Binsenwurzeln haben einen süßlichen Geschmack. Und noch ein anderes Phänomen macht den Binsen offenbar den Garaus. Das Verhältnis zwischen nährstoffreichem Schlick und nährstoffarmem Sand im Watt hat sich umgekehrt. Früher überwog der Schlick, heute nicht mehr. Vermutlich wird er durch die immer höhere Fließgeschwindigkeit des Wassers mitgerissen, Sand wird aufgewirbelt und in die Wattzonen gedrückt. Die drastischen Auswirkungen der Elbvertiefungen, so Annegret Hamster.

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erstellt am 01.Aug.2012 | 19:53 Uhr

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