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Uetersener Nachrichten

18. Oktober 2017 | 15:09 Uhr

Märchenoper : Mit Turnschuhen und Opernstimme

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

„Hänsel“ posiert in weitem Kapuzenpullover vor seinem Ghettoblaster. „Gretel“ verschränkt die Arme. „Der ist mein bescheuerter Bruder“, sagt sie und stupst ihre Nase in seine Richtung. Da erhebt die „Hänsel“-Darstellerin Ines Eberlein ihre ausgebildete Opernstimme und singt das Volkslied „Suse, liebe Suse“. Sopranistin Karolin Nehr stimmt als „Gretel“ in Hängerkleidchen und rosafarbenen Turnschuhen „Brüderchen, komm tanz' mit mir“ an.

shz.de von
erstellt am 09.Dez.2012 | 21:31 Uhr

Der Kontrast zwischen rotzfrechem Auftreten und schönen Stimmen machte den Reiz von drei Aufführungen der Oper „Hänsel und Gretel“ in der Tornescher Altentagesstätte POMM 91 aus. Erstmals hatte der Kulturverein ToAll zu einer Märchen-Inszenierung eingeladen. Aus neun Kindergärten in Tornesch, Uetersen, Moorrege, Heist und Prisdorf waren Gruppen zu dem Auftritt des Hamburger Ensembles „Musica Portabile“ angereist. Etwa 290 Jungen, Mädchen und Erwachsene sahen am zwei Vorstellungstagen zu. Für die Kinder war es zum Teil schwer, die gesungenen Passagen zu verstehen, bemerkte eine Erzieherin hinterher. Trotzdem gingen die Jungen und Mädchen begeistert mit. Im Sprechchor riefen sie: „Hau ab, du blöde Hexe“, als Dörthe König in der Rolle der bösen Bewohnerin des Knusperhäuschens „Hänsel“ verzauberte. Weniger vorlaute Zuschauer rutschten schnell auf den Schoß ihrer Erzieherinnen. Manch einer gestand auf dem Heimweg: „Es war unheimlich.“

Regisseurin Julia Fabian hatte die Oper des Komponisten Engelbert Humperdinck für Kinder bearbeitet. Sie kürzte das dreistündige Werk nicht nur auf 60 Minuten zusammen, sondern tauschte aus Rücksicht auf die Hörgewohnheiten der Kinder manche Lieder durch Dialoge aus.

Zudem aktualisierte sie den sozialkritischen Aspekt des Grimm-Märchens. Im Prolog, auf den die Geschichte als Rückschau folgt, sagt „Gretel“: „Wir waren allein zu Hause. Unsere Eltern mussten arbeiten.“ Fabian erläuterte: „Wir wollen aufgreifen, dass es heute manchen Leuten finanziell nicht so gut geht.“

Die Aufführung vor Ort ersparte den Kindern auf jeden Fall die Fahrt zu einer der Spielstätten in Hamburg. Das ermöglichten nicht nur ToAll, sondern auch der Kreis Pinneberg. Er förderte das Projekt mit 3600 Euro.

Ein Aha-Erlebnis mag übrigens manch ein kulturell interessierter Besucher gehabt haben. „Gretel“-Darstellerin Karolin Nehr lehrt unter ihrem bürgerlichen Namen Karolin Schell an der Musikschule Krol in Tornesch Gesang.

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