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Schleswig-Holstein-Musik-Festival : Mit der Diva auf Tuchfühlung

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Wie macht diese Frau das nur? Die Sängerin, Kabarettistin und Schauspielerin Maren Kroymann beeindruckte schwer während ihrer Premiere beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) im Wedeler Schuppen 1, in der die 66jährige über ihre Zeit in der Pubertät in den sechziger Jahren nachdachte, mit Liedern der damals angesagten Pop-Ikonen und ganz persönlichen Erinnerungen.

shz.de von
erstellt am 02.Aug.2015 | 18:05 Uhr

Und all das lebt sie auf der Bühne, ungeheuer sinnlich, unaffektiert und doch eine ganz große Künstlerin mit intimen Bekenntnissen – ooops, da stockte auch selbst eingefleischten Alt-68ern heute noch der Atem – mit satirischem Augenzwinkern die erhöhten Ansprüche der großen Liebe, auf die angeblich jedes Mädchen wartet, persiflierend. Rotzfrech all das aufs Korn nehmend, was pubertierende Teenies damals an den Rand des emotionalen Wahnsinns brachte: Entweder auf Küche, Kinder und Kirche eingeschüchtert reduziert zu werden oder nahezu alles zu tun, um auf Händen ins vermeintliche Eheglück getragen zu werden. Die Kroymann ist eine Diva, aber eine zu Anfassen. Eine Spätentwicklerin, wie sie selbst sagt. Sichtbar, sie wird mit den Jahren immer schöner, hat eine unglaubliche Bühnenpräsenz, ist blitzintelligent, fordert ihr Publikum, rüttelt es auf. „Ich fühle mich rundum wohl“ sagt sie im anschließenden Gespräch, genau das springt auf ihre Zuhörer über, diese Lust am Leben, an der Musik. Die bekennende Lesbe, die es anfangs auch mit den Männern, mit dem Rauchen und mit der Pille versucht hat, ist überzeugte Feministin, die niemals männerfeindlich agiert, sondern die Begegnung auf Augenhöhe schätzt. All das, was die Gesellschaft oder man(n) ihr zuschreiben möchte „ das wird mir zunehmend wurschter. Auch der korrekte Komparativ“ sagt sie und singt, was sie singen möchte. Am liebsten die Lieder der ersten weißen, nahezu vergessenen Soul-Sängerin Dusty Springfield, mal Lieder von den Stones, ein französisches Chanson, den Kinks, Dean Martin, mal unsägliche Schnulzen mit Pathos, die großen Herz-Schmerz Dramen.

Mit der angerauten samtweichen und saalfüllenden Stimme reiht sie sich mühelos in die Reihe der großen Sanges-Diven ein, der Knef etwa, nur nicht so abhängig wie die, kompromissloser, freier. Wie Barbra Streisand, nicht ganz so hoch, überhaupt nicht so abgehoben, keine Berührungsängste, herzlich, verständnisvoll. Eine Frau, die sich von verklemmter Tochter aus dem akademischen Mittelstand zu einer großen, vielseitigen Künstlerin mit Charisma entwickelt hat. Und die mit ganz viel Charme die kleinen Unwägbarkeiten in der „Carnegiehalle des Nordens“, sprich dem Schuppen 1, umschifft hat. Einen laut blökenden Dampfer auf der Elbe, das Feuerwerk und den Lärm einer Hochzeitsgesellschaft, die im nebenan liegenden Restaurant das Konzert der Kroymann zu übertönen versuchte. „Ach, wir legen eine Gedenkminute ein und wünschen dem jungen Paar viel Glück“ sprach die Künstlerin und gab den störenden Böllern einen freundlichen Touch, so dass sie auch das Publikum nicht mehr tangierten und die Konzentration auf das Wesentliche erhalten blieb.

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