Kulturforum : Licht ins Dunkel der Geschichte bringen

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„Wir wissen nicht, ob wir nicht auch Täter oder Mitläufer gewesen wären“, sagt Hauke Heidecke. Seit eineinhalb Jahren forschen er und Uwe Mahnke am Thema „Moorrege im Dritten Reich“. Beiden war die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte in der Moorreger Chronik zu kurz gekommen. Seitdem haben sie viel Wissenswertes zusammengetragen und Licht ins Dunkel gebracht. Mit seiner Aussage möchte Heidecke Mut machen, sich zu äußern und von sich und seiner Familie zu berichten.

shz.de von
20. Juli 2015, 21:01 Uhr

Um Interessierte auf den Stand ihrer Erkenntnisse zu bringen und auch um neue Erkenntnisse zu gewinnen, luden die Geschichts- und Heimatforscher zu einem Treffen in die Räume des Moorreger Kulturforums ein. Ein Dutzend Moorreger Bürger fand sich ein, um zuzuhören und um selbst zu berichten.

Per Beamer an die Leinwand geworfene Bilder weckten Erinnerungen – gezeigt wurden unter anderem das 1971 abgerissene NSDAP-Gebäude, eine Gruppenaufnahme der Kinderlandverschickung nach Heringsdorf, Bilder von spärlich bebauten Straßen und von der Dünenlandschaft, aus der Moorrege damals überwiegend bestand.

Zu sehen war auch eine Schulklasse mit dem berüchtigten und strengen Lehrer Ahrens, den selbst ein hartes Schicksal traf. Aufgrund seiner Zuckerkrankheit kam er in ein Konzentrationslager. Das für ihn lebenswichtige Insulin wurde ihm verweigert und so starb er. Heidecke erinnerte an die drei Moorreger Zwangsarbeiterlager und die 177 registrierten Zwangsarbeiter aus Ländern wie Estland, Finnland, Russland, Frankreich, Polen, Rumänien und der Ukraine. Abgemeldet wurden nur wenige von ihnen und so bleibt ihr weiteres Schicksal ungeklärt.

Thematisiert wurden das Wehrmachtslager im Baßhorn, die Behandlung von russischen Zwangsarbeiterinnen, die in Moorrege Kinder zur Welt brachten, die Schuljahre zur NS-Zeit und die Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend. Ferner machte Heidecke auf die Unterscheidung von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und Fremdarbeitern aufmerksam und ging auf ihr Leben in Moorrege und ihr Verhältnis zu den Moorregern ein. Hierzu fiel den Gästen einiges ein. Die älteren unter ihnen hatten die Zeit zwischen 1933 und 1945 als Heranwachsende erlebt und konnten sich an verschiedene Begegnungen erinnern. Geschichten wie die, die Heidecke mit „Das abgenommene Mutterkreuz“ überschrieb, verdeutlichten die damalige Stimmung im Ort. Die Moorregerin, von der er berichtete, hatte zahlreiche Kinder und wurde mit dem Mutterkreuz ausgezeichnet. Ihre eigene Mutter sagte zu ihr: „Man kann eine Kuh für ihre Milchleistung auszeichnen, aber man kann eine Mutter nicht dafür auszeichnen, dass sie Kinder bekommt.“ Das sprach sich herum. Eines Tages kam der Ortsgruppenführer und nahm ihr das Kreuz wieder ab.

Um an Informationen zu kommen, nutzten die beiden Forscher das von Kurt-Uwe Heidecke aufgebaute Ortsarchiv, besuchten die KZ-Gedenkstätten Neuengamme, Springhirsch und Sachsenhausen, in die Moorreger verschleppt worden waren, sowie den Internationalen Suchdienst (ITS), die Nachfolgeorganisation des DRK-Suchdienstes, mit Sitz in Bad Arolsen. Eine erste Zusammenkunft zum Thema „Moorrege im Dritten Reich“ hat im Januar 2014 stattgefunden. Wann zu einem weiteren Treffen eingeladen wird, steht noch nicht fest. Heidecke und Mahnke wollen jetzt die gewonnenen Erkenntnisse auswerten und weiter forschen.

Mahnke plant einen erneuten Besuch beim ITS, dessen Hauptaufgabe die Klärung des Schicksals von Verfolgten des NS-Regimes und die Suche nach Überlebenden und Familienangehörigen ist.

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