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Uetersener Nachrichten

14. Dezember 2017 | 11:10 Uhr

Klosterkirche : Krabbelnd, flirrend, prasselnd

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Aufmerksame Stille im Kirchenschiff. Spannung und Ehrfurcht liegen in der Luft. Vor dem Altar purzeln aus einem Kontrabass tiefe Töne wie schwere Tropfen, die auf unterschiedliche Holzplanken aufschlagen.

shz.de von
erstellt am 01.Apr.2012 | 21:04 Uhr

Alexander Suslin hat den Bogen zur Seite gelegt. Seine Finger klopfen die Saiten ab. Die Töne krabbeln den Hals des Instruments hoch und prasseln wie ein Gewitter- regen wieder hinunter. Was er seiner Bassgeige entlockt, klingt mal wie das Flirren eines schweren Käfers, mal wie das Schreiten von Peters Wolf durch den Wald. Der 41-Jährige spielt nicht den Kontrabass, er spielt mit dem Kontrabass – kurze „8 Etüden“ lang. Im Kreuzgang sitzt die Komponistin, Sofia Gubaidulina, 80 Jahre alt, aufrecht, den Kopf dem Musiker zugewandt, lässt ihn nicht aus dem Blick, verfolgt seine Finger wie Peter den Isegrimm. Ihre Lippen bewegen sich, als formte sie jeden Ton mit, als freute sie sich über jeden von ihnen.

150 Besucher hörten am Sonnabend in der Uetersener Klosterkirche das Passionskonzert „In Croce“. Kontrabassist Alexander Suslin aus Appen, der Hamburger Bajan-Spieler Waldemar Gudi und die Organistin Sabine Mennerich aus Uetersen führten fast 90 Minuten lang Werke von Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel und Sofia Gubaidulina auf. Der Abend war ihr gewidmet, der großen russischen Musikschöpferin aus Appen, die Kenner als bedeutendste Komponistin der Gegenwart bezeichnet haben. Im Oktober wurde sie 80 Jahre alt – und weltweit gefeiert.

Im Mittelpunkt des Vorabends des Palmsonntags als Beginn der Karwoche stand aber auch der christlichen Auferstehungsglaube. So gipfelte das Konzert in der Aufführung von Gubaidulinas Werk „In Croce“, das sie 1979 schrieb. Das Komponieren sei für sie ein religiöser Akt, heißt es. „In Croce“ ahmt musikalisch ein Kreuz nach. Waldemar Gudi legte am Anfang mit dem Bajan, dem osteuropäischen Knopfakkordeon, einen hoch tönenden Klangteppich aus, dem sich Suslin am Kontrabass aus tiefen Oktaven näherte. „Sie durchdringen sich und entfernen sich wieder mit vertauschten Rollen“, beschrieb Heiko Hiller, Organisator des Konzerts, das spannungsvolle Stück.

Demgegenüber bildeten die barocken Werke von Bach, Vivaldi und Händel in ihrer klaren Struktur und Melodiösität einen Kontrast, den die Musiker bewusst gesucht hatten. „Etwas ganz Altes neben etwas Modernem zu spielen, ist reizvoll“, sagte Sabine Mennerich. So bedeutend Gubaidulina für die Musik ist, so zurückgezogen lebt sie in Appen und so familiär war auch der Abend. Neben ihr saßen der Komponist Viktor Suslin und Ehefrau Julia, Alexanders Eltern. Alle vier leben in Appen. Sie verbindet eine innige Freundschaft, berichtete Hiller.

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