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Sammelleidenschaft : Jede Kanne hat ihre eigene Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

„Jetzt ist wirklich Schluss. Ich habe keinen Platz mehr, um die Kannen unterzubringen“, sagt Brigitte Voswinkel. Ihr Mann Dietmar sieht sie ungläubig an. Er weiß, dass ein schönes Exemplar alle guten Vorsätze zunichtemachen kann.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2015 | 21:06 Uhr

240 Kannen und elf komplette Kaffeegeschirr-Service hat die Holmerin in den vergangenen 24 Jahren gesammelt. Jede Kanne hat ihre eigene Geschichte, jedes Geschirr seinen ideellen Wert. Brigitte Voswinkel wird überall fündig: auf Antikmärkten, bei Haushaltsauflösungen, bei E-Bay, auf der Porzellanbörse in Hüllerup bei Flensburg, auf dem Porzellanflohmarkt in Selb und direkt bei den Herstellern. Besonders berührt hat die 67-jährige die Schenkung eines Witwers. Seine Frau hatte ebenfalls Kannen gesammelt. Er wollte die Sammlung in guten Händen wissen.

1991 sind die Holmer Kannen-Sammlerin und ihr Mann zum ersten Mal nach Ilmenau am Nordrand des Thüringer Waldes gereist, um eine Cousine zu besuchen. Sie besichtigten das dortige Porzellanwerk, das unter dem Namen „Graf von Henneberg“ produzierte und noch um 1980 über 3000 Menschen beschäftigt hatte. Hier verliebte sich Brigitte Voswinkel in das „weiße Gold“, das Porzellan. „Mein Herz ging auf“, erinnerte sie sich.

Als Sozialdemokraten waren Voswinkels immer auch an den Produktionsbedingungen interessiert. Nach der Wende 1990 wurden die meisten Manufakturmitarbeiter entlassen. Die Schließung der Fabrik 2002 nahmen die beiden mit Bedauern zur Kenntnis. Umso erfreuter waren sie, als wenig später eine neue Produktion mit 50 Mitarbeitern auf dem alten Werksgelände aufgenommen wurde, die die Marke Graf von Henneberg weiterführt. Auch darüber hinaus hat Brigitte Voswinkel über ihr Sammelfieber viel Wissen angehäuft – über Epochen, Stilrichtungen, Modetrends und die Gewohnheiten der Menschen. „An einem schön gedeckten Tisch, schmeckt es einfach besser“, ist ihre Überzeugung. Sie freut sich über die Unterstützung ihres Mannes. Auch er mag die Gemütlichkeit, die die bauchigen Kannen mit den schön geschwungenen Hälsen und hübschen Mustern verbreiten. Gemeinsam genießen sie Reisen entlang der Porzellanstraße, die von Bayern nach Meißen führt.

Die Freude am Sammeln schöner Gegenstände liegt in der Familie, ist quasi vererbt. Brigitte Voswinkel hat sie von ihrer Mutter übernommen und auch die Tochter ist bereits infiziert. Früher wurde Geschirr gesammelt, war Teil der Aussteuer. Jedes einzelne Stück war ausgesucht und hatte seinen Wert. Heute sind Teller und Tassen Wegwerfartikel. Es tut der Porzellan-Liebhaberin in der Seele weh, wenn sie die Massenproduktionen sieht. „Tischkultur geht so verloren“, so die Befürchtung der Holmerin, die viele als Organisatorin des Holmer Apfelfestes kennen. Sie benutzt ihre Sammelstücke und erfreut sich daran. Nur reinweiß sollten Kannen und Geschirr nicht sein. Das ist Brigitte Voswinkel zu langweilig.

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