Klotstöcke : Im hohen Bogen über den Graben

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Zwei lange Stäbe liegen lässig in der Astgabel und warten darauf, zum Sportgerät der besonderen Art zu werden: Seit April können Besucher des Elbmarschenhauses auf dem Außengelände das Klotstockspringen ausprobieren, eine Art Stabweitsprung mit langer Geschichte.

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27. Juli 2012, 19:50 Uhr

Klotstöcke sind eine Erfindung kreativer Marschbauern. Schon vor 500 Jahren nutzten sie die etwa vier Meter langen Stäbe, um die breiten und zumeist gut gefüllten Gräben zwischen den Weide- und Ackerflächen zu überspringen. Trockenen Fußes gelangten sie so von einem Ufer ans andere. War der Boden schlickig, wurde an den Klotstock ein Querholz angebracht.

Es bedarf weniger der Kraft als vielmehr einer geschickten Technik, um im Sprung mehrere Meter mit dem Stab zu überwinden. Ein gutes Augenmaß und natürlich ein wenig Übung sind dem Erfolg ebenfalls nützlich. Auf dem Naturspielplatz am Elbmarschenhaus steht auf einer Informationstafel, wie man es angeht, will man den drei Meter breiten Graben überwinden.

Dazu sollte der Stab dicht am eigenen Ufer aufgesetzt werden. Je weiter oben man ihn mit beiden Händen umfasst, desto weiter kann man schwingen. Beim „Übersetzen“ braucht man ein wenig Körperbeherrschung. Ranger Malte Göpel, durchaus geübter Klotstockspringer, dreht sich im Flug leicht, so dass er auf dem gegenüber liegenden Ufer zumeist wieder mit dem Gesicht zum Graben ankommt. Er beobachtet immer wieder, wie viele Besucher des Elbmarschenhauses interessiert am Graben stehen bleiben, sich dann aber doch nicht trauen, einen Probesprung zu unternehmen. Beherzter gehen es die Kinder und Jugendlichen an, die auch keine Bedenken haben, wenn sie sich nasse Füße holen.

Denn das kann bei allem Augenmaß auch einem guten Springer passieren. Kaum ist der Stab zu weit vom Ufer entfernt angesetzt oder die Entfernung wird falsch eingeschätzt, ist das Missgeschick schon passiert. Die Dithmarscher Bauern haben daraus einst eine Kriegslist entwickelt, mit der sie das königlich-dänische Heer besiegten. Glaubt man den Chronisten, rückten am 17. Februar 1500 11000 schwer bewaffnete Männer, darunter Mitglieder der berüchtigten „Schwarzen Garde“, der Landwehr und Ritter mit ihren Knechten in Dithmarschen ein, um unter dem Befehl des dänischen Königs Johann und seines Bruders Friedrich von Holstein das Land zu erobern.

Die Dithmarscher, mit 3000 zumeist in Kriegsdingen wenig bewanderten Bauern deutlich unterlegen, überfluteten darauf hin das Schlachtfeld. Als die Gräben und Teile des Tieflandes voll Wasser gelaufen waren, blieben vor allem die Ritter mit ihren schweren Rüstungen im Morast stecken, viele von ihnen ertranken.

Die Dithmarscher indes funktionierten ihre Spieße zu Klotstöcken um, setzten über die Gräben und den nun schlickigen Marschboden und wurden so, ist anzunehmen, mit den Eindringlingen spielend fertig.

Werden die Stäbe allein zu sportlichen Zwecken genutzt, sind sie idealer Weise aus Haselnussholz oder Esche. Und das aus gutem Grund: „Das Holz wächst zumeist sehr gerade, ist elastisch und langfaserig“, sagte Malte Göpel.

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