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Behördendschungel : Ihr Vater findet keine letzte Ruhe

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Die letzte Ruhe scheint ihm einfach nicht vergönnt zu sein. Seit einem Monat versucht Sandra Bliedung aus Tornesch ihren Vater zu bestatten – vergeblich. Die 26-Jährige ist mitten im Behördendschungel stecken geblieben. „Ich rede mit der Wand“, sagte sie gestern.

shz.de von
erstellt am 27.Jun.2012 | 20:24 Uhr

Das Problem: Als Hartz-IV-Empfängerin kann sich Sandra Bliedung die Beerdigung nicht leisten. Eigentlich müsste das Sozialamt einspringen, doch dort beißt sie auf Granit. Er wurde nur 54 Jahre alt. Im Mai erlitt er einen Schlaganfall, zwei Wochen später den zweiten – am Pfingstwochenende, als er in seiner Pinneberger Wohnung allein war. Ein Freund hatte ihn am Freitag noch gesehen, am Montag rief er die Polizei. Bliedungs Vater hatte weder auf Klingeln noch auf Anrufe reagiert. Die Feuerwehr brach die Tür auf und fand die Leiche.

Sandra Bliedung hatte seit acht Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater gehabt. 1994 hatte sich ihre Mutter Sylvia von ihm scheiden lassen. Zwei Jahre später stellte er die Unterhaltszahlungen ein. „Er ist mir keinen Cent wert“, sagte Sandra Bliedung. Doch am Pfingstmontag um 22.15 Uhr holten die Familienbande sie wieder ein. Die Polizei klingelte an ihrer Haustür und unterrichtete sie von dem Tod ihres Vaters.

Als nächste Angehörige ist Sandra Bliedung verpflichtet, ihren Vater beisetzen zu lassen. Doch das kann sie sich nicht leisten. Grelck empfahl ihr den Gang zum Sozialamt in Pinneberg. Dort holte sie sich den Antrag zur Übernahme der Bestattungskosten. Am selben Tag schlug sie beim Amtsgericht Pinneberg das Erbe aus. „Ich weiß nicht, ob er Schulden hat“, sagte sie.

Rasch schickte die 26-Jährige die geforderten Kontoauszüge, den Mietvertrag, Bescheinigungen über Hartz-IV und die Ablehnung des Erbes an das Sozialamt. Doch das reichte dem Sachbearbeiter nicht. Er forderte einen Beleg über den Nachlass. „Er wollte, dass ich in die Wohnung gehe und nach Vermögen suche“, sagte Sandra Bliedung. Davon hatte man ihr beim Amtsgericht aber dringend abgeraten. Die Wohnung war versiegelt, das Betreten strafbar und: „Wenn ich da reingehe, nehme ich sofort das Erbe an“, berichtete sie. Doch im Sozialamt hieß es: Solange sie den Nachlass nicht belegen könne, bleibe das Verfahren liegen – und damit der Tote. Inzwischen meldete sich das Ordnungsamt. Die Neun-Tages-Frist zur Beisetzung war verstrichen. Bliedung solle ihren Vater einäschern lassen, zur Not einen Kredit aufnehmen. „Als Hartz-IV-Empfängerin bekomme ich aber keinen Kredit“, sagte sie.

Der Tornescher Bestatter Thomas Grelck, der die Leiche abgeholt hatte, bot Bliedung schließlich an, in Vorleistung zu treten. Er ließ die Urne vor einer Woche in Lüneburg einäschern. Dort steht sie nun. Bliedung hofft, dass das Sozialamt die Rechnung übernimmt. Gestern teilte der Sachbearbeiter ihr mit, er wolle die Wohnung nun zusammen mit der Polizei betreten, um nach Vermögen zu suchen. Peter Brodersen, Leiter des Sozialamts, erklärte, er dürfe aus Datenschutzgründen keine Stellungnahme abgeben.

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