zur Navigation springen
Uetersener Nachrichten

14. Dezember 2017 | 22:05 Uhr

„Ich fühle mich vom Land verlassen“

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

interviewTorneschs Bürgermeister Roland Krügel kritisiert mangelnde Unterstützung beim Thema Zughalte / Haushaltslage schlecht

von
erstellt am 11.Feb.2017 | 17:27 Uhr

Die ungenügende Bahnanbindung der Stadt Tornesch ist für Bürgermeister Roland Krügel (CDU) nach wie vor ein Ärgernis. Nicht nur die zahlreichen Pendler, auch die Unternehmen würden diese mittlerweile zu spüren bekommen. Im Interview spricht der Verwaltungschef zudem über die schlechte Haushaltslage und die Hoffnung auf eine zeitnahe Fertigstellung des Sees im Neubaugebiet.

Zunächst ein Blick zurück: Wie lautet ihr Fazit für 2016?
Krügel: Es war ein anstrengendes Jahr. Wir haben viele Dinge bewegt, aber manches auch in das Jahr 2017 mitnehmen müssen, zum Beispiel die Seeplanung oder die Reparatur der Fußgängerbrücke über die Bahn. Die Planung für den neuen Kindergarten am Kleinen Moorweg haben wir fertiggestellt. Wir warten auf die Baugenehmigung und die Zuschussgewährung. Viele Baumaßnahmen sind weitergeführt worden; der Bereich Riesenweg, Elfenstieg ist im Wesentlichen fertiggestellt worden. An der Kirche wird so langsam ein Block nach dem anderen bezugsfähig. Leider kann ich das für die Fahrradgarage noch nicht sagen. Aber die Baugenehmigung liegt jetzt tatsächlich vor.

Was hat geklappt, was nicht?
Eigentlich hat alles geklappt, nur viele Dinge dauern wesentlich länger, als man sich das zunächst vorstellt. Wir sind ja gerade dabei, die alte Schule in Ahrenlohe auszubauen. Da wir dafür EU-Mittel bekommen, ist es äußerst kompliziert. Jede Maßnahme, die wir durchführen, wird von den Prüfern kritisch beäugt. Aber es geht alles seinen Gang, im Großen und Ganzen bin ich mit dem abgelaufenen Jahr zufrieden.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen, vor denen die Stadt Tornesch in 2017 steht?
Wir müssen erstmal den Fahrstuhl am Bahnhof reparieren, die Sache nervt wirklich alle. Ich hoffe, dass dieses leidige Thema bis Ostern erledigt sein wird.

Die Seeplanung ist nicht so einfach, wie sich einige das vorstellen. Man kann nicht einfach sagen „ich grabe mal ein Loch und dann läuft Wasser rein“. Es ist schon etwas komplizierter, weil so ein Gewässer im Sommer nicht „umkippen“ darf und es keinen Fluss oder Bach gibt, der durch den See fließt und frisches Wasser mitführt. Stattdessen wird er überwiegend mit dem Wasser aus den umliegenden Gräben sowie von den Hausdächern aufgefüllt. Wir sind derzeit mit Fachingenieuren in der Planung.
Auch die Ortsplanung ist ein Dauerbrenner. Diese Thematik wird uns wohl noch einige Jahre beschäftigen.

Ist eine Fertigstellung des Sees in 2017 realistisch?
Ich bin froh, wenn wir zum Jahresende eine gute Planung fertig und genehmigt vorliegen haben. Dabei muss man auch beachten, dass der See ja nicht für drei Jahre sondern mindestens für 100 Jahre errichtet wird. Man muss sich schon ein bisschen Mühe geben.

Welche Herausforderungen gibt es noch?
Die gesamte Bebauungsplanung rund um den See. Diese sollte sehr detailliert und fachmännisch geplant werden. Es ist eine einmalige Gelegenheit einen künstlichen See mit entsprechender Bebauung herum zu planen und zu realisieren. Wie lange es gedauert hat, kann hinterher niemand mehr sehen, nur wie es geworden ist. Wir sollten uns die Zeit nehmen, die wir brauchen – aber der See wird kommen.

Sie sprechen die Bebauung an. Tornesch wächst damit ja auch weiter...
Ja, wir wachsen an allen Ecken und Kanten, aber es ist nicht so, dass wir „explodieren“. Was wir feststellen ist, dass wir vermehrt Zuzug von Familien mit Kindern haben. Unsere Kindergärten müssen dementsprechend dringend ausgebaut werden. Wir haben zum Glück noch das Bonhoefferhaus angemietet, ich gehe davon aus, dass der Mietvertrag verlängert wird.
Wann wir mit dem Bau des neuen Kindergartens anfangen können, hängt von den Zuschussgebern ab. Die Bauunterlagen sind fertig, sie liegen beim Kreis. Es stehen jetzt noch zahlreiche Prüfungen wegen der Zuschussgewährung durch Dritte an, denn wir möchten ja Landes- und Bundesmittel haben, aber die Töpfe sind derzeit leer. Also müssen wir warten, bis sie wieder gefüllt werden...

Wünschen Sie sich denn überhaupt, dass die Stadt weiter wächst?
Wir müssen wachsen − aber behutsam. Wir haben ja noch einige Baugebiete vor uns, die wir noch fertigstellen müssen und es gibt etwas Nachverdichtung im Innenbereich. Etwa am Grevenberg, wo Adlershorst Gebäude abreißen und durch neue ersetzen wird. Die nächsten drei, vier Jahre haben wir gut zu tun. Danach muss man weitersehen.

Stichwort Gewerbe.
Unsere Gewerbeflächen sind fast ausverkauft, das weiß man ja. Viele haben sich gewundert, dass wir immer noch „eine Ecke gefunden“ haben, wenn es notwendig war. Das wird auch weiterhin so sein, aber wir planen die Erweiterung unseres Gewerbegebietes in Richtung Norden. In diesem Frühjahr wollen wir die Planung auf den Weg bringen.

Thema Wochenmarkt: Sehen Sie Potenzial, dass er ausgeweitet wird?
Er wird nicht viel größer werden können, weil die Parkplätze auf dem Gelände schon jetzt knapp sind. Einen Stand können wir noch unterbringen. Es wäre schön, wenn es einer mit einem mediterranen Angebot wäre, solch ein Angebot fehlt uns noch − dann hätten wir aber auch alles: Brot, Käse, Wurst und Fleisch, Gemüse und Obst sowie Blumen. Es ist alles da; ich muss nicht alles zwei- oder dreifach im Angebot haben. Einmal gut ist besser als dreimal schlecht. Wichtig ist, dass wir für die Bevölkerung ein Angebot haben, dass auch nachgefragt wird − und das ist in Tornesch so. Zudem ist unser Stadtwerke-Markt freitags bis 18 Uhr geöffnet.


Wie enttäuscht sind Sie, dass das 3. Gleis nicht im Bundesverkehrswegeplan steht?
Da bin ich eigentlich gar nicht so enttäuscht. Denn: Würde es drinstehen, hätte Herr Meyer [Verkehrsminister Reinhard Meyer, Anm. d. Red.] zu mir gesagt: „Herr Krügel, Sie bekommen alle Zughalte, die Sie haben wollen. Aber erst wenn das dritte Gleis da ist.“ Und dann hätten wir Pause bis 2030 gehabt. Aber wir brauchen jetzt zusätzliche Züge nach Hamburg − und auch nach Norden.

Es ist nicht in Ordnung, was man mit uns macht: Wir diskutieren über eine verbesserte Anbindung nach Hamburg und man vergleicht uns mit Barsbüttel oder Schwarzenbek, die eine stündliche Anbindung nach Hamburg haben. Wir sind aber eher mit Ahrensburg zu vergleichen. Ahrensburg soll eine S-Bahn bekommen und den Zehn-Minuten-Takt. Wir haben zurzeit in der Hauptverkehrszeit einen 20-Minuten-Takt nach Hamburg. Aber der splittet sich auf, einmal die Stunde zum Hauptbahnhof, zweimal nach Altona. Und ab 9 Uhr geht nichts mehr, da fährt einmal die Stunde ein Zug zum Hauptbahnhof und einer nach Altona. Teilweise hält in Tornesch bis zu 40 Minuten gar kein Zug. Das ist unzumutbar!
Auch die hiesigen Firmen stöhnen darüber. Von fünf Zügen, die durchfahren, hält im Schnitt nur einer. Das kann nicht angehen. Da fühle ich mich vom Land verlassen.

Es wird ja immer von einem Nadelöhr gesprochen...
Es ist kein Nadelöhr! Klar, es ist hier viel zu eng. Trotzdem kann es noch optimiert werden. Vor zwei Jahren hatte Reinhard Meyer angeordnet, dass zusätzliche Züge zum Hauptbahnhof fahren. Fünf beziehungsweise sechs Stück in der Hauptverkehrszeit. Plötzlich ging es. Und außerhalb der Hauptverkehrszeit soll es nicht gehen? Das kann ich mir nicht vorstellen.
Außerdem: Wenn Herr Meyer den 15-Minuten-Takt zwischen Tornesch und Hamburg bestellt, kann die Bahn entweder liefern oder sie sagt: „Es geht nur der 20-Minuten-Takt“. Das glaube ich dann auch. Aber es wird ja gar nicht erst bestellt. Mir hat die Deutsche Bahn versichert, dass bisher keine Bestellung wegen mangelnder Kapazitäten abgelehnt worden ist…

Bitte sagen Sie noch etwas zur Haushaltslage.
Die ist bescheiden. So schlecht waren wir noch nie davor. Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe. Einer ist hausgemacht: Wir haben ohne Not auf die Doppik umgestellt − gegen meinen ausdrücklichen Rat. Die Eröffnungsbilanz soll nach dem Stand von 2014 erstellt werden; so lange läuft das schon. Die ganze Wertermittlung und das Verfahren haben uns bestimmt schon 250  000 Euro gekostet. Und die Eröffnungsbilanz liegt immer noch nicht endgültig vor. Wir haben keinen Abschluss für 2014, keinen für das Jahr 2015 und auch keinen für 2016. Und ob nun die Doppik zusätzliche Erkenntnisse bringt? Da mache ich mal ein großes Fragezeichen. Auf jeden Fall haben wir erhebliche Abschreibungen zu erwirtschaften.
Der zweite Punkt ist der kommunale Finanzausgleich, der uns sehr getroffen hat. Deswegen haben wir unter dem Strich ein kräftiges Minus.

Seit mehr als 30 Jahren sind sie mittlerweile Bürgermeister, ihre aktuelle Amtszeit endet im kommenden Jahr. Besteht eine Chance, dass wir sie auch darüber hinaus als Tornescher Verwaltungschef sehen?
Dazu werde ich mich zu gegebener Zeit endgültig äußern.

Zum Schluss lassen sie uns noch mal kurz träumen: Was würden sie mit zehn Millionen Euro, die ihnen als Bürgermeister frei zur Verfügung stehen, anfangen?
Das ist einfach. Ich würde die Maßnahmen, die wir auf dem Zettel haben zu Ende bringen und mit dem Rest Schulden tilgen. Getreu dem Motto: Tilge deine Schulden und du erhöhst dein Vermögen.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen