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Heidgraben stellt sich der Angst / Flüchtlinge bitten um Freundschaft

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Die Angst vor jungen männlichen Flüchtlingen treibt viele Heidgrabener um. Das wurde am Montagabend während einer Bürgerinformationsveranstaltung über die Aufnahme, Unterbringung und Betreuung von Asylbewerbern in dem 2500-Seelen-Dorf deutlich. 250 Menschen versammelten sich im Gemeindezentrum. Der Saal war rappelvoll. Viele Zuhörer mussten stehen. Die Gemeindevertretung hatte auf Anregung der örtlichen Flüchtlingsbetreuer kurzfristig per Wurfsendung eingeladen. Heidgraben richtete damit als erste Kommune im Amt Moorrege einen Info-Abend zu dem Thema aus.

shz.de von
erstellt am 26.Jan.2016 | 20:35 Uhr

Fast eineinhalb Stunden lang stellten sich der amtierende Bürgermeister Ernst-Heinrich Jürgensen, der Amtsdirektor Rainer Jürgensen, die Flüchtlingsbetreuer Dieter Norton, Wolfgang Aschert und Irmgard Voß sowie der Polizeibeamte Gernot Bednarz den Fragen der Besucher. Deren Wortmeldungen zielten meist auf die Belegung eines Hauses im Lerchenfeld 7. Der Amtsdirektor Rainer Jürgensen mietete es kürzlich an, um dort ab Februar bis zu 15 Flüchtlinge einzuquartieren.

„Sind das alles junge Männer?“, rief eine Besucherin. Eine Anwohnerin des Lerchenfeldes erläuterte besorgt: „Ich habe keine Probleme, wenn Familien kommen. Aber wenn 15 Männer aus einem Land kommen, in dem Frauen nichts gelten, das wird Probleme geben. Die stehen doch voll im Saft. Die sind doch voller Hormone.“

Wie Rainer Jürgensen erläuterte, steht zurzeit lediglich fest, dass 15 Einzelpersonen einziehen werden. Es könnte sich aber auch um Frauen oder ältere Männer handeln. „Ich habe vom Kreis noch keine Zuweisung erhalten“, sagte er. Doch er räumte ein: Im Erstaufnahmelager in Neumünster leben zurzeit vorwiegend Männer. Familien würden dem Amt kaum noch zugewiesen. Heidgraben hat bereits vier syrische und eine afghanische Familie aufgenommen.

Der Amtsdirektor bekräftigte: „Wir nehmen Ihre Ängste ernst.“ Er wolle Konfliktpotenzial vermeiden. Dieter Norton habe jahrelang Flüchtlinge in Hamburg hauptberuflich betreut. Er werde das Haus im Lerchenfeld nicht nur täglich aufsuchen, sondern auch Gespräche mit den Bewohnern führen und Deutschkurse organisieren. Sollte es zu Konflikten kommen, werde der Amtsdirektor die Beteiligten an verschiedene Orte umquartieren. „Es liegt doch an uns allen, dass Heidgraben nicht Hamburg ist“, betonte er. Irmgard Voß bekräftigte, dass sie keine Berührungsängste habe. Sie rief die anwesenden Männer auf, sich in die Betreuung einzubringen.

Mutig stellte sich die 21-jährige Syrerin Maya am Montag im Heidgrabener Gemeindezentrum vor die versammelte Bürgerschaft. 250 Besucher waren der Einladung der Gemeindevertretung gefolgt, um über die Integration von Flüchtlingen in dem Dorf zu diskutieren.

„Ich bin eine gute Person“, sagte Maya auf Deutsch. In englischer Sprache brachte sie ihren Wunsch für das Zusammenleben in Heidgraben zum Ausdruck: „In jedem Menschen gibt es eine gute und eine schlechte Seite. Ich hoffe, dass wir in einer guten Weise miteinander sprechen, sodass sich die gute Seite zeigen wird.“ In ihrer Heimat hatte sie angefangen, Physik zu studieren und war dann geflohen.

Die Syrerin Hebah kam ohne ihren Mann mit drei Töchtern nach Deutschland. Sie betonte: „Wir brauchen von Ihnen nichts außer einem sicheren Haus und Freundschaft.“ Sie sei froh, in Heidgraben leben zu können.

Der syrische Familienvater Omar berichtete: „In Syrien würde meine Familie getötet werden. Ich möchte für meine Kinder, dass sie in Deutschland in Frieden leben.“ Sein dreijähriger Sohn besucht bereits den Heidgrabener Kindergarten.

Während die Syrer sprachen, herrschte betroffene Stille im Saal. Nach jedem Beitrag applaudierte das Publikum. Ein Gast stand spontan auf und rief den Flüchtlingen zu: „Welcome to Heidgraben!“

Wie der amtierende Bürgermeister Ernst-Heinrich Jürgensen berichtete, fühlten sich viele Heidgrabener schlecht informiert, nachdem die Familien in drei mobile Ferienhäuser und eine Gemeindewohnung am Eichenweg einquartiert worden waren. Den Info-Abend empfand er als großen Erfolg.

Der Amtsdirektor Rainer Jürgensen räumte mit vielen Gerüchten auf. Er plane nicht etwa, den Spielplatz am Lerchenfeld für Flüchtlingsheime zu opfern. Er habe keine Immobilien zu überhöhten Preisen angemietet, da dem Amt pro Flüchtling nur ein fester Satz erstattet wird. Er wolle auch keine Immobilien kaufen. Allerdings würde er gern einen der Flüchtlinge im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes (Bufdi) für die Integrationsarbeit einstellen.

Die Flüchtlingskoordinatorin für Heidgraben, Irmgard Voß, berichtete von Erfolgen: Wenn Heidgrabener Bürger Fahrräder für die Neuankömmlinge flottmachen, müssen diese selbst mitanpacken. Drei gehören mit Spielerpässen der Fußballsparte des Heidgrabener Sportvereins an. Katrin Stange gibt den Familien im Uetersener Rathaus Deutschunterricht. „Sie sind voller Energie dabei. Man merkt: Sie wollen das“, sagte sie. Gernot Bednarz, Polizeibeamter für das Dorf, betonte: „Dass sie brandschatzend durch Heidgraben ziehen, halte ich für ausgeschlossen.“

20 Heidgrabener betreuen bereits Flüchtlinge. Bei dem Info-Abend erklärten sich fünf weitere Bürger zur Mitarbeit bereit. Irmgard Voß koordiniert sie. Wer mithelfen möchte, erreicht sie unter Telefon 01520/1082311 oder per E-Mail an challes-heidgraben@gmx.de

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