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Uetersener Nachrichten

23. August 2017 | 16:12 Uhr

Urteil : Hauptvorwurf entfallen

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Am 5. Mai 2012 wurde er auf dem Dachboden eines Seestermüher Hofes gefunden, der Leichnam eines kleinen neugeborenen Jungen. Abgelegt hatte ihn dort seine Mutter, nachdem sie das Kind auf der Toilette zur Welt brachte, es unter Zuhilfenahme einer Nagelschere abnabelte und – in eine Decke gewickelt – auf dem Bett ablegte. Womöglich durch die Geschehnisse durcheinander, bemerkte sie zu spät, dass das Kind nach kurzer Zeit nicht mehr schrie und zappelte, sondern still war. Da war der Säugling bereits tot.

Ein Gutachter bezifferte die Zeit zwischen der Geburt und dem Todeszeitpunkt mit zehn Minuten. Danach nahm die 22-jährige Mutter den Leichnam ihres Sohnes, brachte ihn auf den Dachboden und legte ihn dort in einem schwach frequentierten und schlechter zugänglichen Bereich ab. Nachdem der verweste Leichnam des Jungen gefunden wurde, erhob die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Itzehoe Anklage wegen versuchter Tötung durch Unterlassen. Seit Anfang Juli 2013 musste sich die junge Frau diesem Tatvorwurf stellen. Als Pflichtverteidiger wurde ihr der Hamburger Strafverteidiger Henning Plate beigeordnet, der schon zu Prozessbeginn erklärte, dass seine Mandantin keine Angaben zur Sache machen werde. Im Verlauf des Prozesses kamen nicht nur Freunde der Angeklagten als Zeugen zu Wort, sondern insbesondere die Sachverständigen. Entscheidend für das Urteil der Kammer dürften wohl die gutachterlichen Ausführungen von Klaus Püschel gewesen sein. Püschel, Professor für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, führte auch die Leichenschau am Leichnam des Säuglings durch. Neben Erkenntnissen zum Todeszeitpunkt und der Liegedauer des Leichnams, die auch von einem Insektenkundler anhand des Insektenbefalls näher eingegrenzt werden konnte, machte Püschel insbesondere Aussagen zur möglichen Todesursache: Denn das Kind hatte kurz vor der Geburt, sogenanntes „Kindspech“, also eigenen Kot eingeatmet. Dieser Umstand führte zu einer verminderten Sauerstoffversorgung, die letztlich zum Tode des kleinen Jungen führte. Schon Staatsanwältin Maxi Wantzen plädierte danach auf Freispruch, denn selbst für einen erfahrenen Mediziner sei diese drohende Erstickung nicht leicht zu erkennen. Die Verteidigung verlangte ohnehin einen Freispruch. Am Ende folgte das Gericht diesen Anträgen.

Der Vorsitzende Richter Eberhard Hülsing sagte in Richtung der Angeklagten allerdings in deutlichen Worten, dass man ihr Verhalten jedenfalls als moralisch schwer verwerflich einschätze. Wegen Verstoßes gegen das Bestattungsgesetz bleibt eine Geldbuße von 200 Euro, die S. nun bezahlen muss.

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erstellt am 09.Sep.2013 | 21:10 Uhr

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