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Uetersener Nachrichten

20. Oktober 2017 | 21:00 Uhr

Landgericht : Hatte Luca eine Chance?

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Hat sie ihr Baby ausgesetzt und sterben lassen? Oder konnte sie es einfach nicht mehr retten?

shz.de von
erstellt am 08.Jul.2013 | 21:36 Uhr

Corina S. aus Tornesch ist gestern am Landgericht Itzehoe des versuchten Totschlags an ihrem Neugeborenen angeklagt worden. „Sie nahm billigend in Kauf, dass es zu Tode kam“, sagte Staatsanwältin Maxi Wantzen. Die 22-jährige Angeklagte äußerte sich dazu nicht. Nach Darstellung der Staatsanwältin war Corina S. ungewollt schwanger geworden, hatte das aber verheimlicht. Zwischen dem 31. März und dem 25. April 2012 habe sie das Kind in ihrer damaligen Wohnung in Seestermühe an der Dorfstraße zur Welt gebracht – zwischen 2 und 4 Uhr, ohne Hilfe, auf der Toilette. Sie habe ihr Baby unversorgt auf das Bett gelegt. Erst habe es minutenlang geschrien, dann aber keinen Laut mehr von sich gegeben. Die Angeklagte habe es in eine Decke gewickelt, in eine Scheune auf der anderen Straßenseite getragen und dort im ersten Stockwerk in einen Weidenkorb gelegt. Stalleigentümer Klaus M. fand die Leiche am 5. Mai 2012 gegen 10 Uhr. Nach Hinweisen aus dem Dorf nahm die Polizei am selben Tag Corina S. fest. Sie wurde in die Psychiatrie eingeliefert.

„Es ist noch nicht klar, was den Tod des Kindes verursachte“, sagte gestern Gerichtssprecherin Julia Gärtner. Doch wer sein Neugeborenes unversorgt lasse, nehme dessen Tod billigend in Kauf.

Wantzen zufolge ergaben die Untersuchungen aber, dass das Kind unmittelbar nach der Geburt starb. Nach Aussage von Jasmin B. stellte ihre Freundin Corina S. den Tod sogar selbst fest. „Sie hat keinen Krankenwagen gerufen, weil keine Lebenszeichen da waren“, berichtete die 31-Jährige. Das habe sie ihr in der Psychiatrie erzählt. Zudem ist nicht erwiesen, dass der Junge überhaupt lebensfähig war. „Die Rechtsmediziner konnten nicht ausschließen, dass das Kind sowieso verstorben wäre“, sagte Wantzen. Hatte Luca, so soll die Mutter den Kleinen genannt haben, also überhaupt eine Chance? Warum suchte sie keine Entbindungsstation auf, die ihr die bestmögliche Hilfe geboten hätte? Warum verheimlichte sie ihre Schwangerschaft bis zum Schluss?

Der Vater des Kindes wollte es nicht haben. „Ich war nie abgeneigt gegen Kinder. Aber es war zu dem Zeitpunkt viel zu früh“, sagte Knut G. gestern. Zudem soll sich die Beziehung des Paares nach den ersten Schwangerschaftsmonaten verschlechtert haben. Das berichtete ihre Freundin Maria R. „Er verwehrte ihr den Kontakt, hat sie verletzt. Sie war eifersüchtig“, sagte sie. Schließlich kündigte Corina S. ihm an, das Kind abtreiben zu wollen. Zwar brachte sie den Schritt nicht über das Herz und behielt das Baby. Ihren Freund ließ sie aber im Glauben, dass sie die Schwangerschaft beendet habe. Im Januar trennten sie sich. Da hatte er noch nicht bemerkt, dass der Babybauch weiter gewachsen war.

Corina S. verheimlichte die Schwangerschaft auch anderen, etwa ihrer Mutter, zu der sie ein angespanntes Verhältnis gehabt haben soll. Das Dorf sollte erst recht nichts wissen. Wenn Corina S. das Haus verließ, versteckte sie ihren Bauch unter einer Weste. Freundin Angelika K.: „Sie wollte nicht, dass sie darüber diskutieren, dass sie wieder ein Kind bekommt, wieder ohne Vater.“ Der erste Sohn von Corina S. ist zwei Jahre alt. Glaubte sie am Ende selbst, dass sie nicht schwanger sei? In diese Richtung zielten Fragen des Psychiaters Professor Arno Deister vom Klinikum Itzehoe. Immerhin soll Corina S. ihre erste Schwangerschaft bis zum Schluss nicht bemerkt haben. Maria R. glaubte zwar, dass ihre Freundin die neuen Umstände nur verheimlicht und nicht verdrängt habe. In anderen Fällen hatte sie aber den Eindruck, dass Corina S. ihre Lügen selbst geglaubt habe.

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