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Langer Winter : Handwerk muss bis zu zwei Monate aufholen

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Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Bei Frost lässt niemand sein Dach decken. Kein Mensch wird sich bei Schnee und Eis neue Fenster einsetzen lassen.

shz.de von
erstellt am 21.Apr.2013 | 21:30 Uhr

Eine Winterpause kalkuliert daher jeder Bauhandwerker ein. Doch in diesem Jahr lag die weiße Pracht rund vier Wochen länger als erwartet. Die Kälteperiode wurde für viele Handwerker zur Nagelprobe.

„Für uns ist das ganz schön hinderlich gewesen. Es ist sehr viel liegengeblieben“, sagte Thomas Dorn, Obermeister der Maler- und Lackiererinnung für den Kreis Pinneberg, im Gespräch mit den Uetersener Nachrichten. Seit Anfang November kann er keine Farbe mehr auf Außenwände auftragen – die Feuchtigkeit hindert ihn. Inzwischen ist zwar fast ein halbes Jahr vergangen, doch noch immer wartet der Maler- und Lackierermeister darauf, dass Fensterrahmen und Fassaden austrocknen. Erst nach erfolgreicher Messung schwingt er den Pinsel.

Trotzdem hat Dorn noch Glück, denn Maler können auch innen arbeiten. Durch solche Aufträge sowie Urlaubs- und Überstundenregelungen konnte der Uetersener zwei von drei Angestellten während der kalten Monate halten; nur ein Kollege musste sich zeitweise arbeitslos melden.

Tiefbauer dagegen liegen bei Frost komplett auf Eis. Die Sanierung der Gerhardt-Hauptmann-Straße in Uetersen begann dadurch erst am 8. April, sechs Wochen später als geplant. Die acht Arbeiter der Firma Pohl Holsteiner Kabel- und Leitungsbau aus Hohenweststedt bezogen von der Arbeitsagentur Schlechtwettergeld (67 Prozent des Gehalts für Eheleute, 63 Prozent für Ledige). Noch stärker schlug der Winter die Sanierung der Straße Katzhagen zurück. Die Firma Johannssen Straßen-, Hoch- & Tiefbau aus Busdorf bei Schleswig verlegt dort im Auftrag der Stadt und der Abwasserentsorgung Uetersen eine neue Kanalisation, Leerrohre für das Internet, Straßen- und Gehwegpflaster. Auch Laternen werden errichtet.

Ende Mai 2012 begannen die Arbeiten. Eigentlich hätten sie bis Ostern abgeschlossen werden sollen, doch der Winter ließ den Arbeitern keine Chance. „Am 10. Dezember war Schicht im Schacht“, berichtete Schachtmeister Maik Schöneweiß. Fast vier Monate lang stand die Baustelle still. Erst am 2. April rollten die Bagger wieder an. Nun soll die Straße Ende Mai fertig sein.

Betriebe anderer Branchen ständen nach solch einem Ausfall vor der Insolvenz, doch das Baugewerbe tickt anders. „Als vernünftiger Kaufmann kommt man da durch“, sagte Firmen-Chef Matthias Johannssen gegenüber unserer Zeitung. Er kalkuliert grundsätzlich mit zweieinhalb Monaten Winterpause. Dass daraus vier Monate wurden, hatte auch er nicht erwartet, aber: „Wenn alle Baubetriebe nur acht statt zwölf Monate arbeiten, führt das zu einer Verknappung der Arbeitskapazität. Dann steigt der Preis“, erläuterte der 46-Jährige. Sprich: Die Baubranche saniert sich im Sommer. Für den Kunden heißt das: Je länger der Winter, umso teurer wird das Bauen im Sommer.

Die 22 Beschäftigten der Firma Johannssen mussten ihr Geld im Winter stärker als sonst zusammenhalten. „Der März war hart für sie“, sagte ihr Chef. Sie bezogen nur noch das Schlechtwettergeld. Während der anderen Monate hatten sie jedoch kaum Verluste. Grund ist eine Besonderheit der Schlechtwettergeld-regelung: Der Staat legt für bis zu 150 Überstunden auf den Lohn jeweils 2,50 Euro ohne Abzüge obendrauf. Johannssen rechnete vor: Die Überstunden allein reichen, um einen Wintermonat ohne Verlust zu überbrücken. Der 2,50-Euro-Zuschlag gleiche im zweiten Monat die Differenz vom Schlechtwettergeld zum Lohn aus. Der Jahresurlaub deckt weitere zwei bis drei Wochen ab. Nicht nur aus diesem Grund hat Johannssen seit acht Jahren niemanden saisonbedingt entlassen. „Ich will meine Leute halten, vor allem die guten“, sagte der 46-Jährige. Zur Seriösität eines Unternehmens gehöre es, die Mitarbeiter gut zu behandeln. „Es ist ein Geben und Nehmen: Wenn ich im Sommer von ihnen Überstunden abverlange, kann ich sie nicht im Winter entlassen“, sagte er.

Dass sich dieser Kurs auch mit einem etwa halb so großen Unternehmen fahren lässt, zeigt der Tornescher Maurer- und Betonmeister Kai Schmidt, Chef der Firma KS Bau. Der lange Winter habe ihn zwar mehrere 10000 Euro gekostet. Trotzdem er brauchte keinen seiner neun Mitarbeiter zu entlassen.

Sein Rezept: „Oft haben wir anstatt neun Stunden wie im Sommer nur sechs Stunden gearbeitet.“ Außerdem kann er auf wetterunabhängige Standbeine ausweichen: den Ausbau von Arztpraxen und Arbeiten für die Industrie. Inzwischen hat die Wärme ihm volle Auftragsbücher beschert, sodass er neue Leute einstellen will.

Diesen Versuch unternimmt der Dachdeckermeister Peter Hasenkampf nicht. „Man kriegt ja keine Leute“, sagte der Heistmer. In der Regel arbeitet er auch im Winter, aber in diesem Jahr ruhte seine Tätigkeit seit Dezember. Nun will er alles daran setzen, den Ausfall mit der bewährten Mannschaft bis November wieder reinzuholen.

Das ist zu schaffen, versicherte der Moorreger Glaser Andreas Mützel. „Der Winter hat reichlich Verlust gebracht, aber zum Jahresende hast du das normalerweise wieder ausgeglichen“, sagte er. Mützel brauchte seine beiden Angestellten nicht entlassen. Durch Tischlerarbeiten hatte die Firma noch zu tun. Außerdem betonte er: „Man sollte die Leute, wenn sie gut sind, nicht entlassen.“

Den Vorarbeiten für den Bau eines Aldi-Markts an der Reuterstraße konnte der Frost übrigens nichts anhaben. Vor rund sechs Wochen begann die Firma Koch aus Bruchhausen-Vilsen bei Bremen, mehrere Häuser und eine Tankstelle abzureißen sowie Teile des Bodens auszutauschen – ohne Unterbrechung. „Es sind ja nur die ersten 40 Zentimeter gefroren. Wir gehen bis zu fünf Metern runter. Das ist überhaupt kein Problem“, sagte der Bauleiter. Am kommenden Wochenende will die Abbruchfirma wieder abrücken.

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