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Asylbewerber : „Hallo Freund, gib’ mir Fünf!“

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Mit leuchtenden Augen zeigt er Fotos aus der Heimat. Er lebte in einer Großstadt, modern und größer als Hamburg, umgeben von wunderschöner Natur. Ein bisschen hat er Heimweh, obwohl es in der Heimat kaum auszuhalten war. „Probleme“, mehr verrät er nicht. Es ist zu ahnen: Die Vergangenheit war belastend, zu kompliziert, um die Probleme in einem Satz ausdrücken zu können.

Die Regime im Nahen Osten, die Kriege, die Religion lassen vielen Menschen keine Luft zum Atmen. Sie fliehen nach Europa, nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Freiheit, die die Rechtsstaatlichkeit der westlichen Demokratien garantiert. Auch in den Kreis Pinneberg strömen immer mehr Flüchtlinge.

Sie tragen viele Probleme mit sich herum, über die sie nicht sprechen. Auf der Zunge liegen ihnen die alltäglichen Herausforderungen: das Bedürfnis nach Wohnung, Ausstattung, Deutschunterricht, Arbeit, ärztlicher Versorgung.

Vor welchen Herausforderungen stehen sie in diesen fünf Bereichen? Flüchtlinge müssen sich beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) melden. Das BAMF hat in jedem Bundesland eine Niederlassung, in Schleswig-Holstein in Neumünster. Dort werden die Asylanträge bearbeitet. Das BAMF schickt die Flüchtlinge in die Landkreise. Zuständig ist dort die Ausländerbehörde, die die Asylbewerber gleichmäßig auf die Kommunen verteilt. Die müssen Wohnungen anmieten, in die sie Flüchtlinge einquartieren.

Nicht selten leben Asylbewerber verschiedener Nationalitäten in WGs zusammen. In Uetersen wohnten zwei Christen und ein Moslem drei Monate lang in eineinhalb Zimmern zusammen. Probleme sind da vorprogrammiert.

Viele Flüchtlinge wollen daher umziehen. Tatsächlich dürfen sie sich auf dem freien Markt Wohnungen suchen. Das Sozialamt übernimmt innerhalb bestimmter Grenzen die Kosten und stellt zinslose Kredite für die Kaution bereit.

Allerdings wollen die meisten Hauseigentümer nur an Menschen mit eigenem Einkommen vermieten. Wer eine Wohnung für Flüchtlinge sucht, kann in Uetersen und Tornesch Sprüche hören wie: „Ich kann meiner Mutter nicht zumuten, dass sie im Treppenhaus einen Ausländer trifft.“ – „Das geht nicht. Im Nahen Osten sind die Mietverträge doch ganz anders.“ – „Würden Sie etwa einem Menschen ohne Einkommen eine Wohnung vermieten wollen?!“ Ein Flüchtling hat nur eine Chance, eine Wohnung auf dem freien Markt zu finden, wenn ein Deutscher ihm hilft, der sehr gut vorbereitet ist.

Mietet die Stadt Wohnraum für einen Flüchtling an, stellt sie eine Grundausstattung. Fehlt etwas, kann er einen Gutschein beantragen und sich Mobiliar im Sozialkaufhaus besorgen. Dasselbe gilt, wenn er eine eigene Wohnung anmietet. Gibt es aber im Sozialkaufhaus gerade keine Waschmaschine, muss er ein paar Wochen lang per Hand waschen.

Fahrräder gehören nicht zur Grundausstattung.

Das BAMF zahlt anerkannten Flüchtlingen Sprachkurse mit einem Umfang von 660 bis 960 Stunden. Asylbewerber haben darauf aber keinen Anspruch. Daher gehen viele Kommunen dazu über, aus eigenen Mitteln Sprachkurse anzubieten. Während der Unterricht für anerkannte Flüchtlinge in der Regel an fünf Tagen pro Woche jeweils den gesamten Vormittag über läuft, können die Kommunen nur Kurse an einzelnen Tagen für wenige Stunden anbieten, wenn überhaupt.

Viele Asylbewerber gehen daher dazu über, auf eigene Kosten Sprachkurse zu nehmen – etwa bei der Volkshochschule (VHS). Wer bei der VHS Hamburg einen Vollzeitkursus bucht, gibt schnell ein Drittel seines monatlichen Budgets für den Unterricht und die Fahrkarte aus. Allein aufgrund dieser Kosten für Sprachkurse suchen viele Flüchtlinge einen Job.

Tatsächlich dürfen sie neun Monate nach der ersten Registrierung in Deutschland Geld verdienen. Wenn ein Flüchtling einen Arbeitgeber gefunden hat, der ihn trotz mangelnder Sprachkenntnisse, nicht anerkannter Abschlüsse und mangelnder Erfahrungen mit dem deutschen Arbeitsumfeld einsetzen will, muss der Unternehmer die Arbeitsstelle in einem Formular der Ausländerbehörde beschreiben. Anhand dessen prüft dann die Arbeitsagentur, ob es geeignete andere Bewerber für den Job gibt. Nur wenn die Arbeitsagentur Grünes Licht gibt, darf der Flüchtling die Stelle antreten. 75 Prozent des Lohns muss das Sozialamt aber von seinen Asylbewerberleistungen abziehen. Beispiel: Wer pro Woche fünf Stunden lang für 8,50 Euro pro Stunde arbeitet, erhält pro Monat 170 Euro Lohn. Sein monatlich verfügbarer Geldbetrag wächst durch den Job aber nur um 42,50 Euro.

Asylbewerber dürfen nicht den gesetzlichen Krankenkassen beitreten. Wenn sie einen Arzt aufsuchen müssen, erhalten sie vom Sozialamt Krankenscheine. Da Flüchtlinge Aufenthaltsgestattungen aber immer nur für die Dauer von sechs Monaten erhalten, wird die Therapie chronischer Krankheiten, psychischer wie körperlicher, nicht gewährt – obwohl die Aufenthaltsgestattungen bis zur Entscheidung über den Asylantrag in der Regel jeweils um sechs Monate verlängert werden. Nicht selten ziehen sich Asylanträge über Jahre hin. Wer Flüchtlinge begleitet, erlebt, dass er selbst zum Bittsteller wird. Er sitzt selbst auf den Wartebänken der Behörden, kämpft sich durch unverständliche Formulare, wird abgewiesen.

Aber er erlebt: Flüchtlinge haben viel zu geben. Wer ihnen offen begegnet, wird eingeladen, mit exotischen Gerichten bekocht, lernt fremde Kulturen kennen. Wer Flüchtlinge begleitet, wird um viele Erfahrungen reicher.

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erstellt am 23.Okt.2014 | 20:23 Uhr

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