Sommerserie : Gut beraten in Uetersen: Wege aus der Sucht

Sind beratend und therapeutisch tätig: die Suchtberater Andreas Janke (von links), Miriam Hagen-Schulte und Matthias Müller.
Sind beratend und therapeutisch tätig: die Suchtberater Andreas Janke (von links), Miriam Hagen-Schulte und Matthias Müller.

Hilfe erhalten Süchtige und deren Familien bei der ATS Suchtberatungsstelle Tornesch-Uetersen.

shz.de von
26. Juli 2018, 12:00 Uhr

Uetersen/Tornesch | Suchtkrankheiten zersetzen das Leben der Betroffenen und nicht selten auch das ihrer Angehörigen. Hilfe erhalten Süchtige und deren Familien bei der ATS Suchtberatungsstelle Tornesch-Uetersen. Sie ist Anlaufstelle bei Problemen mit Alkohol, Cannabis und harten Drogen, aber auch Spielsucht und problematischem Medienverhalten.

Die meisten Klienten der „Ambulanten und teilstationären Suchthilfe“ (ATS) haben ein Alkoholproblem. „Es folgen Cannabis und das Glücksspiel“, berichtet Andreas Janke, Regionalleiter der ATS Kreis Pinneberg, „Designerdrogen sind rückläufig, auch Heroin spielt fast gar keine Rolle mehr.“

Zwei Drittel Betroffene und ein Drittel Angehörige

Unter den Ratsuchenden sind zwei Drittel Betroffene und ein Drittel Angehörige, in 2017 waren es insgesamt 314, die zusammen rund 1300 Beratungstermine in Anspruch genommen haben. Die Zahl der ratsuchenden betroffenen Männer ist deutlich höher, doch bei Frauen laufe die Krankheit oft versteckter ab, so Janke. „Sucht“, weiß der Sozialpädagoge, „hat in der Regel einen jahrelangen Vorlauf und wird lange Zeit von den Betroffenen selbst nicht eingestanden.“

In punkto Alkohol werde das dadurch begünstigt, dass Alkohol eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz genießt und hiervon in Deutschland überdurchschnittlich viel konsumiert wird. „Es gibt dann verschiedene Auslöser, die den Betroffenen deutlich machen, dass eine Grenze überschritten wurde“, erzählt Janke, „wie der Führerscheinverlust, Trennung des Partners, Mahnungen des Arbeitsgebers, schlechte Leberwerte oder zittrige Hände als Entzugserscheinung.“ Manche kommen auch auf richterliche Anordnung, wenn Straftaten unter Einfluss von Suchtmitteln verübt wurden.

Bei der Erstberatung in den Räumen der ATS wird zunächst eine Standortanalyse durchgeführt: Wie gestaltet sich das Problem, welche Folgen sind bereits eingetreten und welche Form der Hilfe ist angemessen? „Wir sind bemüht, jedem Klienten innerhalb von einer Woche ein Erstgespräch anzubieten“, versichert Janke, „denn die Bereitschaft, Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist mitunter nur von kurzer Dauer.“

Ist eine klinische Entgiftung nötig, vermittelt das Team der ATS in entsprechende Kliniken. „Diesen Reset-Knopf zu drücken, ist oft das erste Mittel, um eine bestehende Dynamik zu unterbrechen“, sagt der Suchtberater, „doch Sucht spielt sich ganz maßgeblich im Kopf ab und Rückfälle nach Entzugsbehandlungen sind relativ häufig.“ Im Anschluss gibt es daher die Möglichkeit einer Entwöhnungsbehandlung, um das oft langjährige Suchtverhalten aufzudecken, alternative Verhaltensweisen zu entwickeln und die Rückfallgefahr zu reduzieren. Die Behandlung kann stationär in speziellen Rehabilitationseinrichtungen erfolgen oder auch ambulant in den Räumen der ATS. Etwa ein Jahr lang kommen die suchtkranken Teilnehmer zu Einzel- und Gruppengesprächen, um sich unter therapeutischer Leitung mit der eigenen Erkrankung auseinanderzusetzen.

Nicht verurteilen, helfen ist der Ansatz

Langjährige, chronisch schwerkranke Süchtige betreut ein eigenes Team der ATS auch im eigenen Zuhause. Vor dem Hintergrund einer gemeinsam getroffenen Betreuungsvereinbarung im Rahmen der Eingliederungshilfe ist das Hauptziel, die Betreuten zur Abstinenz zu motivieren. „Wir verurteilen nicht, sondern begleiten und helfen“, berichtet Janke, „ doch wir tun nichts gegen den Willen der Betroffenen. Mitunter begleiten wir sie bis in den Tod.“ Damit es gar nicht erst zu Suchterkrankungen kommt, gehört Prävention zum Aufgabengebiet der ATS. Mittels Geldern vom Kreis erhält jeder Schüler im Kreis Pinneberg mindestens ein Mal in seiner Schulzeit eine Suchtprävention im Unterricht. „Bereits frühpräventive Angebote an Grundschulen, die der Steigerung des Selbstbewusstseins dienen, fördern die psychische Widerstandskraft, die Kinder sind dann weniger anfällig für Sucht“, weiß Janke. Manche Kommunen finanzieren daher weitere präventive Veranstaltungen an den Schulen, so auch die Stadt Uetersen.

Besonderes Augenmerk legt das ATS-Team auf Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien. Auch dieser Bereich erfährt neben dem kreisfinanzierten Grundangebot eine besondere finanzielle Unterstützung durch die Städte Tornesch und Uetersen. „Diese Kinder haben selbst eine hohe Anfälligkeit zur Entstehung einer späteren Suchtmittelabhängigkeit“, erklärt der Sozialpädagoge. In Gruppen- und Einzelgesprächen soll dem entgegengewirkt werden. Hier erhalten die Kinder und Jugendlichen Raum, über ihre Probleme zu sprechen.

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