Frauenempfang : Generation Kriegsangst-Erben

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Beeindruckender Frauenempfang im Rathaus der Stadt Elmshorn: Nicht nur, dass so viele Frauen und Männer gekommen waren, im großen Saal wurde es eng, die Gäste hielten auch über Stunden durch, denn der Stadtrat und das Gleichstellungsbüro hatten mit der Gleichstellungsbeauftragten Maren Schmidt und der Hauptreferentin Anne-Ev Ustorf ein ganz großes Fass aufgemacht, das nahezu alle nachdenklich und betroffen diskutieren ließ.

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26. Januar 2015, 20:37 Uhr

Die Journalistin und Buchautorin Anne-Ev Ustorf thematisierte Kriegsverletzungen, traumatische Erlebnisse der Großeltern und Urgroßeltern, die sich bis heute in ihren Auswirkungen auf nachfolgende Generationen bemerkbar machen. 30 Prozent aller Deutschen seien im klinischen Sinne traumatisiert, so die Autorin des Buches „Wir Kinder der Kriegskinder“ (erschienen bei Herder).

Sie belegt das mit Gesprächen, die sie mit Nachkriegskindern geführt hat. Diese haben von klein auf an erfahren, dass sie nicht wichtig waren, die Kriegsgeneration war mit dem Aufbau und dem Verschweigen des Grauens, der Angst und der eigenen Gefühle beschäftigt. Und angesichts der millionenfachen Opfer des Holocausts durfte auch in den nachfolgenden Jahren nicht geklagt werden. Die Schuldigen verdrängten und ließen die Kinder ratlos stehen, die Erziehungsziele waren ganz anders als heute, tiefe emotionale Bindungen konnten kaum aufgebaut werden, die Kinder mussten funktionieren und mit ihren Nöten selbst zurecht kommen, die Eltern waren allerhöchstens fürsorglich aber nicht mitfühlend. Ihre eigenen Gefühle und Ängste bei Bombardierung und auf den Schlachtfeldern wurden nur ganz selten in Worte gefasst.

Flüchtlinge, die zerlumpt und halb verhungert in armseligen Nissenhütten oder in Kammern bei Landwirten unterkamen, wurden verlacht, gemieden und diskriminiert. Hier, so schlossen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Frauenempfanges könnte 70 Jahre nach Kriegsende begonnen werden, mehr Mitgefühl für die Flüchtlinge zu entwickeln, die heute nach Deutschland kommen, die eigene Familiengeschichte mit Eltern und Großeltern und deren Traumata aufzuarbeiten.

„Viele haben das Gleiche erlebt, Leid kann man nicht gegenseitig aufrechnen, aber mitempfinden und lindern“, sagte Barbara Tewes, eine der Teilnehmerinnen am traditionellen Frauenempfang.

Mehr über Kriegsenkelinnen

Das Gleichstellungsbüro der Stadt Elmshorn bietet in den nächsten Monaten insgesamt vier Folge-Veranstaltungen zu dem Thema Kriegsenkelinnen an. Am Sonnabend, den 14. März, leitet Dorothea Beckmann im Rathaus Elmshorn einen Fortbildungs-Workshop für Multiplikatorinnen aus sozialen Einrichtungen und Institutionen zu diesem Thema und versucht damit vergrabene Geschehnisse und ihre Auswirkungen sichtbar werden zu lassen und den Umgang damit zu schulen.

Am Sonnabend, 28. März, befasst sich Anna Haentjens in einer politisch-musikalischen Revue mit dem Thema „Denn in und mit uns leben Traditionen“. Karten zu 13 Euro für die Aufführung im Haus 13 in der Adolfstraße gibt es im Gleichstellungsbüro im Rathaus und im Torhaus.

Außerdem plant die Gleichstellungsbeauftragte in Elmshorn eine Stadtführung unter dem Motto „Stadtansichten nach dem Krieg“ im Juni, ein genauer Termin wird noch bekannt gegeben. Ebenfalls noch nicht sicher ist der Termin für einen geplanten Biografieworkshop in einer eintägigen Fortbildungs-Veranstaltung, in der Kindheit und Jugend der Teilnehmerinnen aufgearbeitet werden sollen. bal

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