Abschied : Fingerspitzengefühl und Erfahrung

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Bankvorstand Gerd Reese verabschiedet sich heute in den Ruhestand. 34 Jahre lang führte und prägte er die Raiffeisenbank Seestermühe. Mit UeNa-Redakteurin Claudia Ellersiek sprach er über das Vertrauen der Kunden, die Vorteile eines kleineren Unternehmens und seine Liebe zum fünften Kontinent.

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31. Januar 2012, 21:17 Uhr

Herr Reese, das Einzugsgebiet der Raiffeisenbank eG Seestermühe ist nicht größer geworden im Laufe der vergangenen Jahrzehnte. Dennoch ist die Bank immer angemessen gewachsen. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Die Philosophie ist die Stärke dieser Bank. Uns geht und ging es nie um Zuwachs um jeden Preis. Wir haben keine aggressive Verkaufspolitik, sondern sorgen dafür, dass jeder Kunde das Paket bekommt, das auch wirklich zu ihm passt. Der Mensch steht also im Mittelpunkt unserer Arbeit. Dahinter steht ein Wertesystem, das in allen Mitarbeitern fest verankert ist. Das wissen unsere Kunden und das schafft Vertrauen.

Und wir wissen, dass Vertrauen eine Pflanze ist, die man Jahrzehnte pflegen muss. Hinzu kommt, dass wir uns als regionaler Partner verstehen und als solcher eine soziale Verantwortung haben und wahrnehmen.

Die Bonität deutscher Genossenschaftsbanken steigt – gegen den allgemeinen Trend, muss man sagen. Wie behauptet sich die Raiffeisenbank Seestermühe im Verbund der 1135 Genossenschaftsbanken?

Ausgezeichnet! Wir haben eine innere Stärke, was sich auch darin zeigt, dass wir beim Rating immer in der Spitzenklasse rangieren. Ich denke, wir gehören zu den besten fünf Prozent, obwohl wir eine der kleinsten Genossenschaftsbanken in Deutschland sind. Und wir haben den Anspruch, das auch zu bleiben.

Was machen Sie anders als andere Banken? Unsere Unternehmenspolitik ist grundsolide und geprägt von kaufmännischer Vorsicht. Bei mir hat nie jemand einen Kredit bekommen, der nicht vor mir gesessen hat. Die Folge ist, dass wir kaum Kreditausfälle haben. Außerdem stehen wir dem Mittelstand sehr nahe. 70 Prozent unserer Kunden sind Arbeitnehmer, Landwirte und Kleinstunternehmer. Was wir auch anders machen: Wir zahlen unseren Mitarbeitern bis heute keine Erfolgsprovision, wenn sie gute Verkaufszahlen vorlegen. Der Grund ist ganz einfach: Sie sollen sich nicht gepeitscht fühlen und dem Kunden nur dann etwas verkaufen, wenn es für ihn wirklich sinnvoll ist und was ihm wirklich nutzt.

Die meisten Ihrer Kunden kennen Sie lange, betreuen vielleicht inzwischen schon deren Kinder. Wie erhält sich ein Banker da die Objektivität? Das ist in der Tat nicht einfach. Allerdings war mir Abstand immer wichtig, ebenso übrigens wie die Unabhängigkeit des Denkens. Das hilft, sich die Objektivität zu bewahren. Außerdem hatte ich das Glück, einen ausgezeichneten Lehrer zu haben (Anm. d. Red.: Gemeint ist Dieter Hüllmann, der mehrere Jahrzehnte lang zusammen mit Gerd Reese die Raiffeisenbank Seestermühe führte. Inzwischen ist Hüllmann im Ruhestand.) Und schließlich helfen Fingerspitzengefühl, Erfahrung und Menschenkenntnis.

Erst Dieter Hüllmann, nun gehen Sie in den Ruhestand. Die junge Generation steht in den Startlöchern. Was wird sich ändern?

An der grundsätzlichen Geschäftspolitik wird sich gar nichts ändern. Wir haben mit Jens Hüllmann und meinem Sohn zwei Banker gefunden, die die Philosophie der Raiffeisenbank ebenso verinnerlicht haben wie alle anderen Mitarbeiter auch. Sie passen hierher, und deshalb sind wir so froh, sie zu haben.

Die Ausbildung ist lang und schwer. Entsprechend ist es nicht einfach, junge Leute zu motivieren, bei so einer kleinen Bank zu bleiben und den Vorstandsposten nicht nur als Sprungbrett zu sehen.

Wie viel Wehmut schwingt bei Ihnen mit, jetzt, wo ihr Abschied so unmittelbar bevor steht? Wenig! Ich habe das ja gewollt und gebe gerne zu: Ich freue mich auf den Ruhestand. Ich habe noch viel vor.

Zum Beispiel? Ich möchte mehr für meine körperliche Fitness tun. Und ich möchte zusammen mit meiner Frau reisen. Vor allem nach Australien. Dort haben wir Verwandte und nach vielen Besuchen inzwischen auch gute Freunde. Herr Reese, wir danken Ihnen für das Gespräch. Zur Person Gerd Reese, Jahrgang 1951, wurde in Elmshorn geboren und ist dort auch aufgewachsen. Mit 16 Jahren begann er als erster Lehrling eine Ausbildung bei der Spar- und Darlehnskasse in Seestermühe (heute Raiffeisenbank). Mit dem Kaufmannsgehilfenbrief in der Tasche musste er anschließend zum Wehrdienst und kam pünktlich zur Eröffnung der Zweigstelle in Seester (1972) zurück. Er übernahm zunächst die Leitung der Zweigstelle und wurde 1978 schließlich Mitglied des Vorstands. Ansprechpartner für die Kunden in Seester blieb er bis zu seinem Ausscheiden. Gerd Reese gilt als kritischer Kopf, als ein Mensch, der sich nicht scheut, auch öffentlich Klartext zu reden. Legendär sind seine Reden anlässlich der Mitgliederversammlungen der Raiba, in denen er die internationale Wirtschaftspolitik ebenso hinterfragte wie er vor dem Hintergrund der zunehmenden Globalisierung eine besondere Verantwortung der Wirtschaftsnationen anmahnte.

Weggefährten loben vor allem das feste Wertesystem des Bankvorstands und beschreiben ihn als einen Mann, auf dessen Wort Verlass ist. Reese selbst sagt von sich, zwar nicht nachtragend zu sein, aber durchaus mal laut werden zu können. Auf die Palme bringe es ihn, wenn Menschen versuchten, ihn hinters Licht zu führen und glaubten, er merke es nicht, sagte er.

Gerd Reese ist seit 1977 verheiratet, Sohn Jan Hendrik wird an der Seite von Jens Hüllmann neuer Bankvorstand. (cel)

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