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Pastor im Widerstand : „Er konnte sich nicht anpassen“

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Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Wer kann heute nachvollziehen, wie sich das Leben für Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg anfühlte? Wie viel Meinungsäußerung traut sich jemand zu, wenn er dafür seinen Job verliert, verhaftet und misshandelt wird? Elsa-Ulrike Ross führte den fast 50 Besuchern der Tornescher Kirche am Mittwochabend das Leben des Widerstandskämpfers Paul Schneider sehr anschaulich vor Augen. Die Vorsitzende der Pfarrer-Paul-Schneider-Gesellschaft in Weimar eröffnete damit am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus eine Wanderausstellung über den Geistlichen, die der Verein erstmals in Norddeutschland zeigt.

shz.de von
erstellt am 28.Jan.2016 | 19:20 Uhr

Der evangelische Pfarrer Paul Schneider starb am 18. Juli 1939 im KZ-Buchenwald, nachdem ein Lagerarzt dem 41-Jährigen eine Überdosis des Herz-Medikaments Strophanthin gespritzt und ihn bestrahlt hatte. Seiner Frau Margarete wurde mitgeteilt, dass ihr Gatte kurz vor der geplanten Entlassung „leider aufgrund schwerer Herzerkrankung“ gestorben sei.

Paul Schneiders Vergehen: „Er konnte sich nicht anpassen. Er konnte nicht schweigen. Er musste das Unrecht beim Namen nennen“, sagte Elsa-Ulrike Ross.

Zum ersten Mal verhaftete die Gestapo den Pfarrer 1934 nach der Beerdigung eines Mitglieds der Hitlerjugend. Ein Kreisleiter der Nationalsozialisten hatte bei der Feier verkündigt, dass der Junge dem „himmlischen Sturm Horst Wessels“, also im Jenseits der Truppe eines der größten Nazi-Helden angehören würde. Schneider protestierte: „Dies ist eine christliche Beerdigung, und ich bin als evangelischer Pfarrer verantwortlich dafür, dass das Wort Gottes unverfälscht verkündet wird!“ Er betete, dass Gott den Jungen in sein Reich aufnehmen möge.

Knapp ein Jahr später wurde er erneut inhaftiert. Die regimekritische Bewegung der Bekennenden Kirche hatte die Pfarrer gebeten, im Gottesdienst eine Erklärung gegen die Nazi-Ideologie vorzulesen. Aber die Gestapo verlangte von den Geistlichen die schriftliche Versicherung, den Text unter Verschluss zu halten. Die meisten Pfarrer unterschrieben, Schneider nicht. „Sollte ich als kleinstes Pastörlein auf dem Hunsrück allein dem Staat bezeugen müssen, was recht ist?“, fragte er.

1937 wurde der Pastor ins KZ verlegt. Seine Kirche warf ihm staatsfeindliches Verhalten vor und schloss ihn aus dem aktiven Dienst aus. Er predigte aus seiner Zelle heraus den Häftlingen auf dem Appellplatz und klagte die SS des Massenmordes an.

„Wenn du unentschlossen bist zwischen zwei Dingen, dann wähle das dir weniger bequeme“, las Elsa-Ulrike Ross aus dem Tagebuch des Pfarrers vor. Er habe stets nach dem Bibelvers „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ gelebt und sei darin ein Vorbild für heute.

18 Tafeln im Kirchenzentrum zeigen anhand historischer Fotos und Dokumente das Leben von Paul Schneider. Bis Sonntag, 13. März, ist die Ausstellung dienstags und freitags von 9 bis 11 Uhr, donnerstags von 15 bis 18 Uhr sowie sonntags vor und nach dem Gottesdienst geöffnet.

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