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„Missa – Stilles Geschrei“ : Dramatisch, furios, zerbrechlich

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Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Still war das „Stille Geschrei“ nicht. Aber es verschlug die Sprache. In Geschrei artete die Uraufführung der gleichnamigen Messe am Sonntag in der Uetersener Klosterkirche auch nicht aus. Aber sie war zum Schreien, wenn sie Beklemmung verbreitete, wenn sie staunen und hoffen und durch die Freude der Künstler am Musizieren sogar Spaß aufkommen ließ.

shz.de von
erstellt am 27.Feb.2012 | 22:37 Uhr

Der 85-minütige Ritt durch die jahrhundertealte christliche Gottesdienstordnung klang dramatisch, furios und zerbrechlich. „Es dröhnte und zitterte manchmal in der ganzen Kirche“, sagte eine Besucherin. Der 25-jährige Komponist Benjamin Scheuer hatte das Werk 2011 im Auftrag des Kirchenkreises Hamburg-West/Südholstein für das „Jahr der Kirchenmusik“ verfasst. Am Freitag hatten der Hamburger Professor für Chorleitung Cornelius Trantow, vier Solisten, ein Orchester und ein Projektchor ausKirchenmusikern und anderen Sängern es bereits in Blankenese, am Sonnabend in Niendorf aufgeführt. In der Klosterkirche hörten rund 250 Besucher zu. Das Gerüst des Spektakels bilden die traditionellen Gottesdienst-Elemente wie Kyrie, Gloria und Credo. Sie waren teils kaum wiederzuerkennen. Scheuer hatte sie mit Gedichten der Theologin Dorothee Sölle und moderner Musik verfremdet. Wem der normale Gottesdienst längst fremd geworden ist, dem wurde dadurch ein neuer Zugang angeboten.

Einen ungewohnten Zutritt in das Gottesdienstgeschehen eröffneten die Musiker den Hörern allein durch ihre Standorte. Beim Credo bauten sich zwei Schlagzeuger zwischen den Zuschauern im Kreuzgang auf und begannen durchdringend zu trommeln. Aus einer Bankreihe erhob sich der Sprecher Lukas Anton mit den Worten: „Sie fragen mich nach der Auferstehung?“ – der Beginn eines Sölle-Gedichts, das er auf dem Weg zum Altarraum rezitierte.

Sopranistin Frauke Aulberts setzte diesem Klang-Raum-Erlebnis buchstäblich die Spitze auf, als sie auf der Empore unerwartet mit dem Formen wortloser Töne begann. Wie ein einsames Weinen oder ein sich selbst tröstendes Singen hörte es sich an, was die Koloratursopranistin und Stimmperformerin über den Köpfen der Besucher erklingen ließ. Sie öffnete damit ein „Fenster zum Himmel“, wie es der Titel des „Jahrs der Kirchenmusik“ verspricht. Vor dem Sanctus, dem Lobpreis Gottes, krächzte Aulbert, als wenn ihr angesichts der himmlischen Herrlichkeit die Stimme versagen würde.Die Messe ist eine Reizüberflutung, sie nur einmal zu hören eine Überforderung. „Man kann gar nicht darüber reden. Es ist zu viel drin in einem“, sagte eine 72-jährige Uetersenerin. Das Werk steht aber auch für eine mutige Kirche, die manch einer vermisst. So hatte Propst Thomas Drope einleitend eine Kollegin mit den Worten zitiert: „Das ist wohl nichts für Feiglinge.“ Zwischen dieser Vorwarnung und der Ausstrahlung der Messe empfand Besucher Alexander Rubinstein einen Widerspruch. „Das klang so, als müsste man sich entschuldigen, dass man in der Kirche etwas spielt, das Aussage hat und jünger als 100 Jahre ist“, sagte er. Die Messe machte Mut – hoffentlich nicht zum letzten Mal.

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