zur Navigation springen

Literaturabend in der Bücherei : Die Hoffnung stirbt zuletzt

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Etwa 60 Interessierte waren Zeugen einer sehr bewegenden Lesung in der Stadtbücherei. Dorthin gekommen waren Autorin Bruni Prasske und Nguyen Phong Dien aus Hamburg.

shz.de von
erstellt am 03.Okt.2013 | 18:44 Uhr

Der Abend im Rahmen der Interkulturellen Woche beleuchtete die Lebensgeschichte des in Vietnam Geborenen, der durch Splitter einer vietnamesischen Granate schwer verletzt und dadurch querschnittgelähmt wurde.

Er kam 1968 als Sechsjähriger über die Organisation „Terre des Hommes“ zur medizinischen Versorgung nach Hamburg und verbrachte sechs Jahre seiner Genesung bei Pflegeeltern. 1974 musste er zurück nach Vietnam. Seine Muttersprache hatte Nguyen Pong Dien nach sechsjährigem Aufenthalt in Hamburg weitestgehend vergessen, er sprach nun deutsch. Das Kriegskind fühlte sich in seinem Geburtsland nicht mehr heimisch, vielmehr einsam. Auch, weil es keine Zuwendung, keine menschliche Wärme für den nun an den Rollstuhl Gefesselten gab. Das sei bis heute ein Problem in Vietnam. Behinderte würden ausgegrenzt. Er werde dort als eine kaputte Maschine und als eine Last angesehen, so Dien.

Eine ausreichende Schulbildung sei ihm nicht zuteil geworden. Er habe jedoch ab und zu die Schularbeiten für andere erledigt und darüber Bildung erfahren, berichtete er schmunzelnd.

Bruni Prasske war auf den inzwischen 50-Jährigen via Internet aufmerksam geworden. Als Weltbürgerin habe sie sich für dessen Geschichte interessiert, sei nach Hanoi geflogen und habe Kontakt zu ihm aufgenommen.

Vorerst zurückhaltend sei Dien nach und nach „aufgetaut“, habe über seine Traumatisierung und Entwurzelung gesprochen. Er habe ihr dann seine Lebensgeschichte detailliert geschildert. Die Autorin hat das alles aufgeschrieben und im Buch „Immer noch träume ich von Deutschland“ zusammengefasst.

Man müsse sich das einmal vorstellen: Es war noch Krieg, als das schwer verletzte Kind zurück nach Vietnam geschickt worden sei, so Bruni Prasske noch immer entrüstet darüber. Seit vier Jahren lebt Dien wieder in Hamburg, um das Buch gemeinsam mit Bruni Prasske vorzustellen. Überall dort, wo man die Geschichte hören möchte. Seine Aufenthaltserlaubnis werde bislang immer verlängert, dennoch sei es ihm nicht möglich eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Dafür müsse er erst fünf Jahre lang ein regelmäßiges Einkommen nachweisen.

Diesbezüglich fehlten ihm noch einige Jahre, so der gelernte Uhrmacher, der derzeit einen befristeten Arbeitsvertrag bei einer Kirchengemeinde hat. Nguyen Phong Dien hilft dort vietnamesischen Asylbewerbern. In Deutschland habe er gelernt, dass sich Behinderte etwas zutrauen können, in seinem Geburtsland sei eine solche Integration undenkbar. Dien sagte, dass er die deutsche Sprache eines Tages perfekt sprechen wolle. Denn Sprache sei wichtig für die Integration. Daher freue er sich immer, wenn er Menschen begegne, die ein gutes Hochdeutsch sprechen würden.

Viele der Anwesenden empfanden spontan, dass er deutsch schon besser spreche als so mancher Deutscher.

Er habe nicht viel Geld, daher aber auch nur wenig Sorgen. Er hoffe, dass es ihm gelinge, für weitere drei Jahre Arbeit nachweisen zu können, um dann einen dauerhaften Aufenthaltsantrag stellen zu können. Michael Haase, Büchereileiter, dankte den beiden Vortragenden für die geschilderten Eindrücke. Das Buch selbst könne in der Bücherei ausgeliehen werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert