zur Navigation springen
Uetersener Nachrichten

21. August 2017 | 05:05 Uhr

Prozess : Die Angeklagte schweigt weiter

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Gestern fand der dritte Verhandlungstag im Prozess um das tote Baby aus Seestermühe statt. Die Mutter des Jungen steht wegen versuchtem Totschlags vor dem Landgericht Itzehoe.

Es waren die beiden Sachverständigen, die diesen Prozesstag dominierten. Den Beginn machte Klaus Püschel, der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Püschel obduzierte den Leichnam des Kindes zwar erst, als dieser sich schon in einem relativ weit fortgeschrittenen Verfallsstadium befand, konnte aber dennoch wichtige Ausführungen machen: So steht nach Püschels Ausführungen fest, dass der bei seiner Geburt mit circa 2500 Gramm Körpergewicht und 47 Zentimetern Körpergröße zwar sehr kleine Junge, aber körperlich normal ausgebildet war und lebensfähig gewesen ist. Außerdem stellte der Gutachter fest, dass das Kind nach der Geburt lebte und zwar für mindestens zehn bis 20 Minuten und dass er überdies keine Verletzungen hatte. Das deckt sich auch mit den Aussagen der Angeklagten, das Baby habe gezappelt und geschrien. Zwar wies der Leichnam Verformungen und eingedrückte Knochen im Gesicht auf, diese sind aber – so der Gutachter – zweifelsfrei erst nach dem Tod des Kindes beigebracht worden. Wie dies überhaupt geschehen konnte, ist unklar; man vermutete allerdings, dass die Verletzungen nur von einem Tier herrühren können.

Nach den Ausführungen des Hamburger Rechtsmediziners kam der als Zeuge geladene Ex-Freund der Angeklagten zu Wort. Mit ihm zusammen hat sie bereits einen gemeinsamen Sohn, der mittlerweile drei Jahre alt ist und beim Vater lebt. Auch damals verschwieg sie ihre Schwangerschaft; der Kindsvater erfuhr angeblich erst am Abend der Entbindung davon, dass er einen Sohn bekommen hatte. Insbesondere der Vorsitzende Richter Eberhard Hülsing, versuchte von dem Haseldorfer Hinweise darauf zu erhalten, wie es geschehen konnte, dass selbst er als Vater und Lebenspartner der Angeklagten von der damaligen Schwangerschaft nichts mitbekommen hatte. Der Zeuge konnte allerdings keine besonders hilfreichen Beiträge machen und schob vieles auf die Unleidlichkeit der Angeklaten, die auf Nachfragen in jene Richtung oft barsch, ungehalten und aggressiv reagierte. Die Frage des Verteidigers Henning Plate, ob er die Angeklagte – seine damalige Freundin – denn in den letzten Monaten vor der Entbindung auch einmal unbekleidet gesehen hätte, verneinte der Mann. Sonstige Anzeichen für eine Schwangerschaft wollte der Haseldorfer Baumpfleger nicht ausgemacht haben. „Meine Freundin hat dann so stark geblutet, dass ich sofort einen Rettungswagen alarmiert habe. Und erst in der Klinik habe ich erfahren, dass ich Vater werde“, so der 32-Jährige.

Mehr Licht ins Dunkel der Psyche der damals in Seestermühe lebenden Tornescherin zu bringen, versuchte der Psychiater Arno Deister. Deister, selbst Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin in Itzehoe, wies gleich zu Beginn darauf hin, dass er zur etwaigen Schuldfähigkeit der Angeklagten ohnehin keine Aussage treffen könne, da diese sich ihm gegenüber nicht eingelassen habe. Er gab daher nur einen sehr theoretischen Überblick über die allgemeine Sachlage. Es gebe durchaus Frauen, die ihre Schwangerschaft nicht bemerken, so Deister. Allerdings gibt es derartige Fälle nur einmal alle 2500 Geburten. Viel häufiger sei der Fall, dass die werdende Mutter die Schwangerschaft ausblendet und verdrängt. Aber auch innerhalb des Verdrängungsmechanismus gehe es um die Frage, inwieweit ein solcher überhaupt unbewusst sein kann. Eine Schwangerschaft zu verdrängen, setzt zunächst voraus, dass die Frau überhaupt Anzeichen für eine solche erkennt, bevor sie dann – bewusst oder weniger bewusst – in ein gedankliches „Wegschieben“ dieser Tatsache übergeht. Strafverteidiger Henning Plate fühlte Diester allerdings gehörig auf den Zahn. Er wollte von ihm genau wissen, wo dessen gutachterliche Kompetenzen überhaupt herrührten und welche Veröffentlichungen es von ihm zu genau den im Prozess wichtigen Themen gebe. Verfrüht musste die Verhandlung dann geschlossen werden, da beim Landgericht gestern die Computer ausgetauscht wurden. Der Prozess wird fortgesetzt, es wird dann ein Urteil erwartet.

zur Startseite

von
erstellt am 01.Aug.2013 | 21:21 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert