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Geschichtsunterricht : Der Flüchtling und der Spitzel

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Der „Fall der Mauer“ jährt sich in diesem Jahr zum 25. Mal. Längst ist eine Generation herangereift, die die dramatischen Ereignisse des Jahres 1989 nur aus den Geschichtsbüchern kennt. Zu diesen Menschen gehören auch die Uetersener Gymnasiasten. Mädchen und Jungen des 10. und 11. Jahrgangs hatten gestern die Möglichkeit, einen lebendigen Geschichtsunterricht zu erleben. Fakten aus erster Hand boten ihnen dabei Dr. Reinhard Laszig, dem 1973 die Flucht aus der DDR gelang, und Gerd Reinicke, der bis 1985 für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR in Rostock gearbeitet hatte.

Die etwa 250 Schüler lauschten gespannt, was ihnen die beiden Referenten zu sagen hatten. Laszig, heute Arzt und 1973 Student der Medizin, berichtete von seinem Verhältnis zum anderen deutschen Staat, das stark familiär geprägt gewesen sei. Seine Erkenntnis daraus: Ein Leben in der DDR sei nicht erstrebenswert. Laszig schmiedete Fluchtpläne. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, unerkannt in den Westen zu gelangen, sei die Flucht über die Tschechoslowakei nach Österreich in einem Kühlwagen schließlich gelungen. Mehrere zehntausend Euro habe die Flucht über Schleuser ihn gekostet. Seine Eltern habe er bewusst nicht eingeweiht, so hätten sie später, bei den Verhören der Staatssicherheit, auch nichts berichten können.

Berichtet haben andere allerdings. Während der Verhöre, die Gerd Reinicke in Rostock geführt hat.

Reinicke kam als Wehrpflichtiger mit der Stasi in Kontakt. Drei Jahre diente er dort, um sich anschließend auf Lebenszeit zu verpflichten.

Er habe aber immer wieder Skrupel gehabt, ob man jeden Flüchtling, der aufgegriffen wurde, gleich streng bestrafen müsse. Reinicke berichtete von einem Fall, der ihm besonders nahegegangen sei, schließlich ersuchte er um Versetzung und wurde fortan bei der Postkontrolle eingesetzt. Von dieser Abteilung wurden Briefe geöffnet, deren Inhalte gelesen und bewertet.

1985 habe er sich mit dieser Tätigkeit nicht mehr identifizieren können, seine Art und Weise missfiel den Vorgesetzten, und Gerd Reinicke wurde unehrenhaft entlassen. Es folgten ein sechsmonatiger Hausarrest und später der Versuch, in der DDR noch einmal Fuß zu fassen. Nach der Wende erlernte Reinicke den Beruf des Kaufmanns und ist, nach Tätigkeiten in verschiedenen Baumärkten, heute in der Sportbootausbildung tätig.

Die Schüler hatten viele Fragen. Die beiden Referenten – Laszig lebt heute in Kiel, Reinicke ist Rostocker geblieben – antworteten ausführlich und gerne.

Der Vormittag in der Aula des Gymnasiums hatte mit einer Einführung zweier Schüler des Geschichtsprofils am LMG begonnen, die viel Lob erfuhren.

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erstellt am 10.Nov.2014 | 21:38 Uhr

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