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Uetersener Nachrichten

19. September 2017 | 19:19 Uhr

Studie : Den Gefahren der See auf der Spur

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Wer in den Ruhestand geht, muss deswegen noch lange nicht die Ruhe suchen. Wenn es um Kampfstoffe in der Nord- und Ostsee geht, kribbelt es Niels-Pete Rühl in den Fingern. Der frühere Vize-Präsident des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg nennt das „eine wissenschaftliche Nische“, die ihn auch noch nach seiner Pensionierung beschäftigt. Denn die rund 1,6 Milionen Tonnen Kampfmittel auf dem Grund der deutschen Meere („wahrscheinlich sind es mehr“) stellen eine erhebliche Gefährdung für die Menschen und die Umwelt dar.

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2011 | 21:33 Uhr

So war es klar, dass der Haseldorfer mitmachen wollte, als der Bund sowie die Küstenbundesländer 2008 eine Studie über diese Altlasten in Auftrag gaben. Wo liegt die Munition, welche Gefahren gehen von ihr aus und wie kann zukünftig mit dem Problem umgegangen werden, wollten die Initiatoren wissen. Rühl gibt zu, dass ein gewisser öffentlicher Druck – besonders von überregionalen Tageszeitungen – nötig war, die Ministerien zu diesem Schritt zu bewegen.

Erstmals hatte Rühl dieses Thema beschäftigt, als 1993 für die „Helsinki Konvention“ die chemischen Kampfstoffe in der Ostsee analysiert wurden. Die Helsinki Konvention ist ein Umweltabkommen der Ostsee-Anrainerstaaten, wurde 1974 gegründet und danach immer wieder überarbeitet und erweitert. Die Studie, die Rühls mit Kollegen damals erstellte, gilt heute als Standardwerk.

Doch nun ging es darum, die Arbeit auf Ost- sowie Nordsee zu erweitern. Außerdem sollte nicht mehr nur chemische, sondern auch konventionelle Munition untersucht werden. (Die Ergebnisse finden Sie im nebenstehenden Artikel.

) Als Beamter weiß er, dass nicht jede Erkenntnis auch in behördliches Handeln umgesetzt wird. Deswegen hofft Rühl darauf, dass es eine weitere Gruppe gibt, die sich um die Umsetzung der Vorschläge kümmert. Da würde er wohl mitmachen, wenn er gefragt wird. Und da es immer neue Erkenntnisse gibt – zum Beispiel sind einige Archive immer noch nicht ausgewertet worden – wurde der Bericht als wachsendes Dokument angelegt, das ins Internet gestellt wurde und immer wieder überarbeitet werden soll.

Zudem engagiert er sich weiter in leitender Funktion für die Helsinki Konvention. Doch es gibt auch den Wunsch nach mehr Ruhe und Freizeit. „Ich möchte sagen, ich fahre heute für 14 Tage in Urlaub – und dies auch machen können.“ www.munition-im-meer.de Gefahr für Fischer und Arbeiter an Windkraftanlagen, Pipelines sowie Stromkabeln.

Ein Großteil der Kampfmittel, die auf dem Grund der Nord- und Ostsee liegt, wurde nach dem Willen der Alliierten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg versenkt. „Damals herrschte in Deutschland Chaos und es sollte damit an Land kein Missbrauch getrieben werden“, erklärt Niels-Peter Rühl.

Ein Teil der Altlasten, besonders in der Flensburger Förde, wurde von der Marine kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges über Bord gekippt. Außerdem lagern im Wasser nicht gezündete Bomben, die die Alliierten abwarfen, so rund um Helgoland und vor Peenemünde. Auf Usedom ist dies besonders tückisch, denn das damals verwendete weiße Phosphor sieht ähnlich aus wie der Bernstein, den Spaziergänger am Strand sammeln. Bei 20 Grad Celsius entzündet sich der Phosphor selber, was schon zu Verbrennungen geführt hat.

Anreicherungen im Wasser durch die Kampfmittel sind nicht nachgewiesen worden, jedoch im Sediment.

Eine Gefährdung der Menschen an Land schließen die Macher der Studie aus. Allerdings sind alle gefährdet, die auf dem Grund von Nord- und Ostsee arbeiten. Das sind vor allem Fischer. Die jüngsten Todesfälle hatte es 2008 in Holland gegeben, wo drei Fischer allerdings sehr fahrlässig mit geborgener Munition umgegangen waren. Gefährdungen sehen die Experten für diejenigen, die Windanlagen bauen sowie Stromkabel und Pipelines verlegen.

Für diese Gruppen sollen die bereits bestehenden Merkblätter und Verhaltensregeln überarbeitet oder neu erarbeitet werden. Eingeflossen sind die Ergebnisse der Studie bereits in die Planungen der Gaspipeline „Nord Stream“ in der Ostsee. Der Meeresgrund war vorher intensiv auf Kampfmittel untersucht worden.

Technisch möglich, aber sehr teuer ist die Hebung von konventioneller Munition. „Das muss man von Fall zu Fall prüfen“, so Rühl. (tp)

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