zur Navigation springen
Uetersener Nachrichten

18. Oktober 2017 | 22:31 Uhr

SHMF : Cellist mit Charisma fesselt Publikum

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Über den Beginn des vorletzten Schleswig-Holstein Musik Festival Konzertes in der frisch gestrichenen Alten Reithalle des Holsteiner Verbandes lässt sich trefflich streiten: Für die einen war „Spacy für Orchester“ des 36-jährigen Japaners Tomohiro Moriyamo schlicht und einfach eine gefühlte Kakophonie atonaler Dissonanzen, für die anderen, in der musikalischen Moderne bestens Gebildeten, ein spannendes Experiment, zeitgenössische moderne Kompositionen nahe zu bringen.

shz.de von
erstellt am 11.Aug.2013 | 20:55 Uhr

Schwierig nur, gleich am Anfang das Publikum in der prall gefüllten Reithalle auf Krawall zu bürsten, lieber wäre den meisten sicherlich ein Start gewesen, bei dem sie sanfter an die Hand genommen und in ein ansonsten wundervolles Konzert geführt worden wären. Zumindest gab es braven, wenn auch nicht begeisterten Applaus für das Orchestra Ensemble Kanazawa und seinen munteren jungen japanischen Dirigenten Kazuki Yamada.

Ganz im Gegensatz dazu der Höhepunkt des Konzertes, der Auftritt des in Lettland geborenen und aufgewachsenen Cellisten Mischa Maisky zusammen mit dem durchaus erstklassigen Orchestra Ensemble Kanazawa.

Kaum ein anderer vermag das Cello so emotional, leidenschaftlich und vollkommen zu spielen wie der charismatische Maestro, ein einmaliges Erlebnis, er nimmt seine Zuhörer ein, legt ihnen das wertvolle Instrument, ein Cello von Domenico Montagnana aus dem Jahr 1720 für immer ans Herz.

Die Fassung von Tschaikowskys „Nocturne op. 19“ hat er selbst für Violoncello und Streichorchester geschrieben, ebenso die anschließende Fassung des berühmten Kol Nidrei von Max Bruch. Intensiv, temperamentvoll, ohne Noten, das Publikum ist von Kopf bis Fuß gefesselt, schwelgt in den wirbelnden Tönen. Danach noch Tschaikowskys Rokoko-Variationen, was für ein Zaubergei... Entschuldigung, -cellist.

Dabei hat der Mann, der auch ohne sein Cello eine ungeheure Ausstrahlung besitzt, ein schweres Schicksal hinter sich. Die Russen schickten den vorzüglich ausgebildeten Künstler aus seiner Heimat Lettland ins Lager, vermutlich weil seine Schwester nach Israel emigrierte. Dem drohenden Militärdienst konnte er nur entkommen, indem ihn ein befreundeter Arzt für psychisch krank erklärte. Auch er floh dann nach Israel, kehrte aber kurz darauf nach Europa zurück und lebt bis heute in Brüssel.

Den Abschluss des Konzertes bildete Ludwig van Beethovens am Anfang von den Kritikern völlig verkannte mächtige Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36, das das Orchestra Ensemble Kanazawa aus der gleichnamigen Stadt an der Westküste Japans überzeugend interpretierte.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert