Mobilisierung : Bürger gegen Dow-Kohlekraftwerk

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„Sämtliche derzeit in Deutschland in Planung befindlichen Kohlekraftwerke sind gestoppt worden“, weiß Siegfried Zell aus den Recherchen von Umweltverbänden, „doch das von Dow Deutschland wird voran getrieben.“ Denn derzeit liegen im Stader Rathaus die Planungsunterlagen für die 920-Megawatt-Anlage aus.

shz.de von
27. Februar 2013, 20:28 Uhr

Gegen das Projekt hat sich breiter Widerstand formiert, zu dem neben Umweltschützern und Stader Menschen auch die „Bürgerinitiative gegen massive umweltbelastende Industriekonzentration in Stade“ aus der Haseldorfer Marsch gehört. Und die will die Bürger motivieren, mit Einwänden gegen das Kohlekraftwerk Front zu machen.

Denn „der größte Teil der freiwerdenden Schadstoffe kommen in der Haseldorfer Marsch und den angrenzenden Gebieten der Geest runter“, erklärt Niels-Peter Rühl, der wie Zell Sprecher der BI ist. Messungen haben ergeben, dass dieser Bereich schon jetzt hoch mit Staub, Dioxinen, Furanen und PCB’s belastet ist. Die werden von den Lebewesen aufgenommen, so dass der Verkauf von Schaflebern bereits verboten ist und Rinder vor dem Verkauf getestet werden müssen.

Bei der Verbrennung von Kohle werden aber nun genau diese Umweltgifte frei. Wie Hohn klingt es für die BI-Sprecher da, wenn der Chemieriese in seinem Umweltbericht schreibt, dass sich die „Emissionssituation praktisch nicht verändern“ wird. „Wir befürchten, dass mit dem Dow-Vorhaben das ohnehin gefüllte Faß überlaufen wird“, so Rühl.

Rund 3000 Seiten stark sind die Unterlagen. Bürgerinitiativen und Umweltschutzverbände haben sich das Material aufgeteilt, um nach Zinken zu suchen. Das Gefundene soll, gestützt durch eine juristische Ausarbeitung, in eine Einwendung einfließen.

„Es ist aber auch wichtig, dass die Bürger ihre persönlichen Gegenargumente formulieren“, erklärt Zell. 5000 Mustereinwendungen sind gedruckt worden, die in den Dörfern von Marsch und Geest verteilt werden. Die Menschen könen sie ergänzen. Besonders Betroffene, etwa Obstbauern und Unternehmer, sollen angesprochen werden. Die Mustereinwendung ist auch auf der Website der hiesigen Bürgerinitiative zu finden. Die Zeit drängt, denn am 25. März endet die Auslegung der Planungsunterlagen. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen auch die Einwendungen formuliert sein. Alle BI’s wollen die Protestnoten dann gemeinsam der Stader Bürgermeisterin Silvia Nieber (SPD) übergeben. Ziemlich sicher ist, dass die BI gegen das Kohlekraftwerk klagen wird. Über den richtigen Zeitpunkt wird allerdings noch zu beraten sein.

Wer mit den Sprechern Kontakt aufnehmen will, kann Niels-Peter Rühl (Telefon 04129/1033), Wolfgang Werther (04129/95313), Siegfried Zell (04103/3363) oder Jochen Pragal (04129/975986) anrufen.

www.bi-haseldorfer-marsch.de „Wir werden dann ganz schön verrußt“

Eine Hochglanzbroschüre hat Dow Deutschland entwerfen lassen, um Werbung für den Kohlekraftwerksbau zu machen. Dieses Heftchen sowie weitere Unterlagen aus dem Hause des Stader Unternehmens treibt allerdings die Zornesröte der BI-Sprecher ins Gesicht, die sich als Ingenieure, Verfahrentechniker und Naturwissenschaftler zutrauen, das Material einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.

„Da wird mit Halbwahrheiten gearbeitet“, urteilt Dr. Wolfgang Werther. Zum Beispiel behauptet Dow dass Kohle, Gas, Biomasse und Wasserstoff „clever“ kombiniert wird. Tatsächlich ist Steinkohle aber der weitaus größte Energieträger. Als „Meilenstein“ verkauft Dow den Wirkungsgrad von 55 bis 60 Prozent, was deutlich über den derzeit üblichen Werten von 46 Prozent liegt. Rechnet man noch einmal nach („einige Zahlen sind irreführend“, so Werther), kommt man auf den Wirkungsgrad eines normalen Steinkohlekraftwerkes.

„40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen“ produziert die Anlage laut Dow. Derzeit pustet Dow mit seinen Kraftwerken 2,6 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Umwelt. Da die neue Anlage auch Strom produzieren soll, der auf dem freien Markt verkauft wird, werden es dann insgesamt 4,8 Millionen Tonnen sein. „Wir werden dann ganz schön verrußt“, steht für Werther fest.

Die BI wendet sich nicht grundsätzlich gegen das Projekt, fordert allerdings Gas statt Kohle einzusetzen. „Es würden dann keine problematischen Schadstoffe entstehen und der Kohlendioxid-Ausstoß könnte um 30 bis 40 Prozent reduziert werden“, so Niels-Peter Rühl. Aber Kohle sei „derzeit“ billiger.

Im Stich gelassen fühlen sich die BI-Sprecher von der Politik. „Man hätte, ähnlich wie beim Atomausstieg die Kraftwerksbauer auf Gas als umweltfreundlicheren Betriebsstoff festlegen können“, erklärt Jochen Pragel. „Doch das ist unterblieben.“

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