Streit : Brauchen Kinder Bücher oder Fahnen?

Brauchen unsere Kinder Bücher oder Fahnen? Sollen sie lesen oder schwenken lernen? Ist das Geld einer Bürgerstiftung besser in der Schulbildung oder in der Traditionspflege angelegt? Beides tut der lieben Seele gut, möchte man meinen. Doch so viel Geld steht dem Tornescher Ausschuss für Jugend, Sport, Soziales, Kultur und Bildung auch nicht zur Verfügung. Er musste sich jüngst entscheiden, wie er Zinsen in Höhe von etwa 1500 Euro aus der „Bürgerstiftung Stadt Tornesch in Memoriam Gerhard Veit“ anlegen sollte. Aber die Politiker konnten sich nicht einigen.

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01. Juli 2012, 22:25 Uhr

Die SPD wollte Bücher, CDU und FDP die Fahne, die Grünen lehnten beides ab. Wen wundert es, dass die Genossen die Bildung, die Bürgerlichen die Tradition und die Grünen den Protest hochhalten? Dazu passt die Art der Antragstellung.

Schriftlich und zwei Monate im Voraus hatte der Turn- und Spielverein (TuS) Esingen um Geld für eine neue Vereinsfahne gebeten. Die alte sei 50 Jahre alt, hänge in der Vitrine „und kann nicht mehr genutzt werden“, schreibt der Erste Vorsitzende Torsten Kopper. Die Kosten für eine neue schätzt er auf 1500 Euro.

Nun seien aber, erläutert Kopper, die Zinsen der Stiftung „u.a. zur Beschaffung von Mitteln zur Förderung von Initiativen und Projekten des Sports innerhalb der Stadt Tornesch durch eine andere steuerbegünstigte Körperschaft oder durch eine Körperschaft des öffentlichen Rechts“ gedacht. Und der Verein wolle am 2. November sein 100-jähriges Bestehen feiern. „Es wäre schön, wenn an diesem Datum die neue Fahne überreicht werden würde“, so der Erste Vorsitzende.

Der Antrag der Gegenseite ging mündlich und kurz nach Aufruf des Tagesordnungspunkts ein. Die SPD-Fraktionsvorsitzende Verena Fischer-Neumann verkündete flott eine – aus ihrer Sicht – viel bessere Idee: Sie wollte den Erstklässlern Grundschulwörterbücher schenken, das Stück für 11,90 Euro. Fraktionskollege Horst Lichte pflichtete ihr bei: „Ich finde das von der Öffentlichkeitswirksamkeit her etwas dödelig, wenn da im dunklen Clubheim irgendwo ‘ne Fahne hängt“, sagte er. Der CDU-Fraktions-Chef Christopher Radon (CDU) erklärte daraufhin, dass sie natürlich bei Sportfesten gehisst werden soll. Grundsätzlich aber hielt er fest: „Wir sehen die Fahne als überhaupt nicht kritisch an.“

Bürgermeister Roland Krügel lenkte den Blick auf die Kosten: „Wenn wir das mit den Büchlein einmal machen, heißt das im nächsten Jahr: Wir wollen das wieder.“ Angesichts des Hickhacks wollte er die Beschlussvorlage aber am liebsten zurückziehen. „Wir sollten intern überlegen, wie wir eine konsensfähige Lösung finden“, räsonierte der Verwaltungschef. Doch dagegen sperrte sich Fischer-Neumann. Knappe Begründung: „Nach der Einschulung über die Bücher abzustimmen, macht keinen Sinn.“

Helmut Rahn (Grüne) versuchte es noch mit einem Kompromissvorschlag: Der Verein solle sich für die Fahne einen Sponsor suchen, und die Stiftung „lieber Sportgeräte“ kaufen. Doch die Idee verhallte. Kein Vorschlag fand eine Mehrheit. Lichte betonte, dass niemand etwas gegen den TuS Esingen habe. Und die Zinsen warten auf bessere Tage.

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